Das britische Boulevard-Blatt «Daily Mail» ist nicht unbedingt der Ausbund an Seriosität. Die Storys sind oft reisserisch und sensationalistisch aufbereitet, Geschichten montiert, Behauptungen nicht verifiziert. Zum Beispiel wurde die abenteuerliche These aufgestellt, dass die Nutzung von Facebook das Krebsrisiko erhöhe.

Das Blatt war schon vor der Internet-Ära ein Problemfall der britischen Presselandschaft. Die «Daily Mail» flirtete in ihrer über 100-jährigen Geschichte des Öfteren mit dem Faschismus. Der Eigentümer Lord Rothermere sympathisierte in den 1930er-Jahren mit Mussolini und Hitler. Doch im Internetzeitalter, wo Geschichten millionenfach geteilt und die Leserschaft global ist, sind auch die Storys der «Daily Mail», die mehr Leser als der «Guardian» erreichen, ein globales Problem.

Die englischsprachige Wikipedia hat sich nun zu einem radikalen Schritt entschieden: Sie will die «Daily Mail» nicht mehr als zulässige Quelle anerkennen. Die Autoren attestieren dem Blatt unter anderem «schlecht überprüfte Fakten», «Sensationshascherei» und «erlogene Geschichten». Ein Novum in der Geschichte der OnlineEnzyklopädie.

Der Entscheidung war ein zweijähriger Streit zwischen den freiwilligen Editoren über den Umgang mit dem Blatt vorausgegangen. Am Ende fiel die Entscheidung einstimmig aus. «Einvernehmlich wurde festgelegt, dass die Daily Mail (inklusive ihrer Online-Version dailymail.co.uk) allgemein unzuverlässig ist und die Nutzung als Referenz generell verboten wird, besonders dann, wenn zuverlässigere Quellen vorhanden sind.» Die «Daily Mail» steht nun auf dem Index. Doch so einvernehmlich fiel die Entscheidung nicht.

Wo anfangen, wo aufhören?
Wenn man die über 46 000 Wörter umfassende Diskussionsseite durchliest, stellt man fest, dass nicht unbedingt Medienexperten an der Entscheidung beteiligt waren. Manche Kommentare sind von dem Furor getragen, man müsste die ganze Boulevardpresse wegen ihres Sensationalismus «blackmailen» und wie Fake-News-Seiten behandeln. Andere geben zu bedenken, dass man konsequenterweise auch die «Sun» zensieren müsste, die in ihrem Krawalljournalismus der «Daily Mail» in nichts nachsteht. Der registrierte Nutzer Guy Macon bemerkte spitz, dass Wikipedia selbst keine zuverlässige Quelle sei. Wie könne man dann über die Zuverlässigkeit anderer Quellen urteilen? Ist Wikipedia nicht selbst verzerrt? Müsste man dann nicht Seiten wie «Breitbart News» verbannen, deren einstiger Chef Steve Bannon heute Chefberater und Chefideologe von Donald Trump ist und die den «alternativen Fakten» den Boden bereitete?

Es gibt eine Reihe von Medien, an deren Seriosität Zweifel bestehen. Bloss: Wo soll man anfangen, wo aufhören? Ein Bann hat immer die innewohnende Tendenz, dass er weitere nach sich zieht – das Vorhaben wird dann schnell antiliberal und autoritär. Wenn eine Seite wie Wikipedia eine andere Seite für unzulässig erklärt, ist das mit Risiken behaftet. Zumal Zensur das Selbstverständnis der Online-Enzyklopädie konterkariert, die sich immer als offenes Experimentierfeld des Überlegens verstand.

2013 sperrten die Moderatoren der Diskussionsseite Reddit in dem einflussreichen Subreddit «r/politics», eine Art Unterforum, Links zu tendenziell linken Publikationen wie «Mother Jones», «Huffington Post» und «Gawker». Der Grund: Blogspam, Sensationalismus und «schlechter» Journalismus. Doch wer definiert, was guter und was schlechter Journalismus ist?

Das zeigt, wie beliebig die Kriterien sind. In diesem Licht war auch der Entscheidungsprozess von Wikipedia weniger transparent und überlegt, als es den Anschein hat. Was als «vertrauenswürdig» zu gelten hat, bestimmt eine Elite von Editoren. Auch Wikipedia kennt eine Hackordnung; die internen Strukturen sind hierarchischer, als man meint.

Grober Keil auf groben Klötzen
Es scheint, als würden die Türhüter der Meinungsbildung im Netz aus Unfähigkeit, zwischen Fake-News und Sensationsjournalismus zu differenzieren, einen groben Keil auf grobe Klötze setzen und missliebige Inhalte auf den Index heben. Zensieren ist leichter als diskutieren. Auch Facebook operiert so, wenn es Fake-News algorithmisch indexiert und Nachrichten mit einer Art Gütesiegel zertifiziert. Nach dem Motto: Das darf man lesen, das nicht. Die Entscheidung von Wikipedia, das Boulevardblatt «Daily Mail» nicht mehr als Quelle zuzulassen, könnte nur der Anfang einer restriktiver werdenden Nachrichtenauswahl sein.

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