VON HANS FAHRLÄNDER


Darf man überhaupt nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis von Bildung beziehungsweise Bildungsvermittlung fragen? Ist das nicht unanständig? Muss die aufgeklärte Gesellschaft, zumal in einem rohstoffarmen Land, nicht einfach alles tun, um dem Nachwuchs die beste Bildung zu ermöglichen? Das schon. Fragt sich bloss, ob die teuerste immer die beste ist.

Die OECD attestiert uns, dass wir ein gutes Bildungssystem haben. Aber eines der teuersten der Welt. In der Bildungskosten-Rangliste stehen wir weiter oben als in der Bildungsleistungs-Rangliste. Die Gesellschaft muss entscheiden: Wie viel ist uns Bildung im Konzert aller Staatsaufgaben wert?

Der Bildungsökonom – ein seltener Beruf in der Schweiz – aber muss und darf fragen: Wie setzen wir den Bildungsfranken möglichst effizient ein? Zieht eine Kostensteigerung auch eine Wirkungssteigerung nach sich? Bestehen Relationen zwischen Schülerleistungen und Volkswirtschaft?

Das Forum Bildung hat kürzlich vier Ökonomie-Professoren, die sich schwergewichtig mit Bildungsfragen befassen, nach Winterthur gerufen, um mit ihnen die selten gestellten Fragen «Was ist uns Bildung wert?» und «Was darf Bildung kosten?» zu diskutieren: Ludger Wössmann von der Ludwig-Maximilian-Universität in München, Stefan C. Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung in Aarau, Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, und Ernst Buschor, ehemaliger Bildungsdirektor des Kantons Zürich.

Ein Fazit vorneweg: Zwar gibt es Daten über die Bildungseffizienz in der Schweiz. Doch sie fliessen (noch) wenig in die Bildungsdebatte ein. Oft werden sie unter Verschluss gehalten, um schlechter abschneidende Kantone und Schulen nicht zu brüskieren. Und ein anderes Fazit: Die Bildungsökonomen geben den Bildungsreformern in wesentlichen Punkten recht: Vorgeschlagene, aber von der Politik oder vom Volk abgelehnte Reformen würden das Kosten-Nutzen-Verhältnis günstig beeinflussen.

These 1: Wer einen Wachstumseffekt für die Volkswirtschaft erzielen will, muss nicht nur die besten Schüler fördern, sondern vor allem auch die schwächeren, die «bildungsfernen» Jugendlichen energisch unterstützen. Und er muss ein besonderes Augenmerk auf die Chancengleichheit richten, das heisst die Kinder länger gemeinsam statt in Leistungszügen schulen. So wie es zum Beispiel Pisa-Sieger Finnland tut. Ludger Wössmann: «Die Schweiz könnte langfristig rund 1 Billion Franken an zusätzlichem Bruttoinlandprodukt erzielen, wenn die Bildungsleistungen auf das Niveau des Pisa-Spitzenreiters Finnland gesteigert würden.»

These 2: Den kostenmässigen Spitzenplatz «verdient» sich die Schweiz vor allem mit rekordhohen Ausgaben pro Studierenden an Gymnasien und Hochschulen. Bei den Kosten pro Volksschüler liegen wir im Durchschnitt. Und bei der frühkindlichen und der Vorschul-Förderung am Schwanz. Praktisch alle Länder der OECD tun hier mehr. Ludger Wössmann: «Die höchsten Erträge öffentlicher Bildungsinvestitionen liegen im Bereich der frühkindlichen Bildung für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten. Eine Verlagerung der öffentlichen Bildungsausgaben aus späten in frühe Phasen des Lebenszyklus würde die Bildungsfinanzierung sowohl gerechter als auch effizienter machen.»

These 3: Bildungseffizienz kann man nur steigern, wenn man Transparenz zulässt. Beachtlich ist die Transparenz im Ländervergleich, dank der OECD und ihrem im Dreijahresrhythmus durchgeführten Pisa-Test (Programme für International Student Assessment). Doch je kleiner die Einheit, desto kleiner die Transparenz. Ernst Buschor: «Die Leistungsstreuungen unter den Schulen sind wesentlich grösser als jene unter Ländern oder Kantonen. Wir brauchen eine Kultur der öffentlichen Leistungs- und Kostentransparenz auf Schulebene. Die Kultur des bewussten Zurückhaltens von Daten ist fortschrittshemmend.»

Wie viel Geld für die Bildung ausgegeben wird, ist in der direkten Demokratie weitgehend eine Frage der kollektiven und individuellen Zahlungsbereitschaft. Diese wiederum ist davon abhängig, ob Politik und Volk den Sinn von Reformschritten einsehen. Mit der Alterung der Gesellschaft steigt auch die Zahl jener Wählerinnen und Wähler, die aus Bildungsausgaben keinen direkten Nutzen mehr ziehen. Darin steckt Zündstoff. In der Schweiz, so die vier Ökonomen übereinstimmend, wird es in Zukunft nicht mehr möglich sein, zusätzliches Geld in das Bildungssystem zu pumpen. Deshalb ist sie gezwungen, die Effizienz des Systems erheblich zu steigern.

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