Von Ferry Batzoglou aus Athen

Der 11. Juni 2013 wurde zum Schicksalstag des griechischen Journalismus: Die damalige Athener Regierung schloss handstreichartig den Staatssender ERT. Sie begründete ihren Schritt mit der «Intransparenz» und «unglaublichen Verschwendung», die beim Staatsrundfunk herrsche. Man wolle mit der «sündhaften ERT» sofort Schluss machen. Ziel sei es, stattdessen «die BBC auf Griechisch» ins Leben zu rufen.

Nur: ERT war gar nicht pleite, im Gegenteil. Der 1938 gegründete Rundfunksender, der sich zuletzt hauptsächlich mit einer jährlichen Gebühr von 40 Euro pro Haushalt finanziert hatte, war zu jenem Zeitpunkt nicht nur schuldenfrei, sondern schrieb Gewinn.

Mit der plötzlichen ERT-Abschaffung verschwanden drei Fernsehprogramme, ein Satellitenprogramm, mehr als zwei Dutzend Radiostationen, ein Webauftritt, eine TV-Zeitschrift, Orchester, Chöre. 2656 unbefristet angestellte ERT-Mitarbeiter wurden entlassen – auf einen Schlag.

Doch jetzt sollen die Sender auferstehen: Der zweite Gesetzentwurf nach der Machtübernahme, den die Tsipras-Regierung dem Parlament morgen Montag zur Abstimmung vorlegt, betrifft den Neustart von ERT. Es gilt als sicher, dass der Gesetzentwurf mit grosser Mehrheit verabschiedet wird.

Das ERT-Gesetz sieht vor, den Status quo vom 11. Juni 2013 wiederherzustellen. Alle Ex-ERT-Mitarbeiter, wenigstens jene, die es wünschen und noch nicht in den Ruhestand gegangen sind, können auf ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren. Dies sind etwa 2000 Mitarbeiter. Das frühere ERT-Programmangebot wird vollumfänglich wieder aktiviert.

Ziel sei es laut Regierungskreisen, mit der Wiedergeburt von ERT «einen wettbewerbsfähigen öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunksender» zu schaffen. ERT solle «wirklich unabhängig von jeglichen staatlichen und privaten Interessen fungieren». Das Markenzeichen von ERT solle «die Polyfonie, unabhängige Information und hohe Qualität» sein. Weitere Kennzeichen: siebenköpfiger Vorstand, davon zwei Arbeitnehmervertreter, Finanzierung per Rundfunkgebühr. «Exorbitante Ausgaben» für externe Produktionen wie beim ERT-Nachfolger Nerit würden per Gesetz «drastisch» reduziert.

Symbolkräftiger hätte die SyrizaPolitikerin Zoi Konstantopoulou, neue Parlamentspräsidentin in Athen, ihre Unterstützung für den Kampf der ERT-«Piraten» nicht zum Ausdruck bringen können: Ihr erstes Interview in ihrem neuen Amt gab sie am vorigen Donnerstag ausgerechnet exklusiv im ERTopen-Gebäude. Ob Journalisten, Kameraleute oder Tontechniker – Konstantopoulou erntete bei ihrem Auftritt brandenden Applaus.

Einer der Applaudierenden: Panagiotis Kalfagiannis, 54, bullig, graues Haar, Präsident der Gewerkschaft der ERT-Angestellten (Pospert). «Das ist ein sehr positives Signal für die Gesellschaft. Wir haben einen grossartigen Kampf geführt mit Blut, Schweiss und Tränen – und mit einem Happy End. Wir Griechen sagen: ‹O epimenon nika!› (‹Der Beharrliche gewinnt!›)», sagt er der «Schweiz am Sonntag». Kämpferisch streckt er die geballte Faust in die Höhe.

Doch es ist nicht alles so rosig, wie es den Anschein hat. Die ERT-Entlassenen, die derweil über zwanzig Monate lang ohne Bezahlung den Piratensender ERTopen betrieben, haben fortan wieder mit ihren alten Kollegen, die beim ERT-Nachfolger NERIT munter ihre Brötchen verdienten, unter einem Dach ihre Arbeit zu verrichten.

Das birgt Konfliktpotenzial. Ein ERT-Entlassener, der nun an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehrt, sagt: «Um Fernsehen oder Radio zu machen, ist vor allem die Teamarbeit wichtig. Nach allem, was in den letzten Monaten passiert ist, hege ich Zweifel, ob die Zusammenarbeit im Haus so einfach funktionieren wird wie früher. Die ERT-Abschaffung hat klaffende Wunden hinterlassen. Sie zu schliessen, wird die grösste Herausforderung sein. Für uns alle.»

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