«Madam President», lautet die Schlagzeile auf dem Cover des US-Magazins «Newsweek». Darunter steht: «Hillary Clintons historische Reise ins Weisse Haus». Im Innenteil ist zu lesen, dass die Amerikaner am Wahltag den «von Donald Trump betriebenen angst- und hasserfüllten Konservatismus rundweg zurückgewiesen haben».

125 000 Exemplare dieses Magazins wurden vorgedruckt für den Fall, dass die Demokratin gewinnen würde. Dass sich Zeitungen und Zeitschriften auf beide Varianten eines Wahlausgangs vorbereiten, ist normal. Doch bei «Newsweek» kam es zum GAU: Ein Vertriebspartner lieferte nicht die Trump-, sondern die Clinton-Version an die Kioske. Denn er war sich sicher: Hillary würde die Siegerin sein. «Wie alle anderen lagen wir falsch», rechtfertigte sich der Chef des Zeitschriftenvertriebs.

Ja, alle lagen falsch. Kaum ein Medium, kaum ein Korrespondent hielt einen Präsidenten Trump für möglich. Und ausgerechnet der Mann, den die Medien wiederholt als Lügner überführten, bekam in eigener Sache Recht. Seit Monaten wischte Donald Trump die Umfragen und Medienanalysen weg, die ihm ein Scheitern voraussagten: «Ich bin der Anführer einer Bewegung, der schweigenden Mehrheit, und wir werden in Washington ausmisten.»

Prognosen aus der Blase
Warum nur haben die Journalisten – zumindest die allermeisten von ihnen – nicht gemerkt, wie die Stimmung in der Bevölkerung wirklich war?

Die Vermutung liegt nahe: Weil sie sich selber in Minderheiten bewegen, deren Ansichten sie aber für die der Mehrheit halten. Ein selbstkritischer Kommentar von «Watson»-Journalist Felix Burch verbreitete sich nach der Wahl viral. Er schrieb: «‹Wir› leben in einer Blase, nicht ‹die› – das muss sich sofort ändern.» Unter all seinen Freunden, die er als gut durchmischt bezeichnen würde, freue sich niemand über Trumps Sieg. Ähnlich sei es bei den Volksentscheiden zum Brexit, zur Minarett- und zur Masseneinwanderungsinitiative gewesen, erinnerte sich der Journalist.

Wenn dann repräsentative Umfragen und Datenanalytiker wie der amerikanische Star-Prognostiker Nate Silver das Gefühl der Journalisten bestätigen, ist die Sache gelaufen. Vom Newsroom aus analysierten sie die sozialen Medien, arbeiteten mit datenjournalistischen Modellen und kamen zum Schluss: Ein Sieg von Trump ist ausgeschlossen.

Dass sich draussen, fernab der Newsrooms, tektonische Platten zu verschieben begannen – davon hörten und sahen sie nichts. Trumps «schweigende Mehrheit» schweigt zu einem grossen Teil wahrscheinlich auch gegenüber den Meinungsforschungsinstituten.

Die USA-Korrespondentin von Radio SRF, Priscilla Imboden, hat vor zwei Wochen wie alle anderen von der «Schweiz am Sonntag» befragten Korrespondenten klar auf Hillary Clinton getippt. Heute sagt sie: «Die Medien haben nicht in der Beurteilung der US-Wahlen versagt, sondern in der Prognose über den Wahlausgang. Die verfügbaren Daten aus Wählerumfragen wiesen auf einen Sieg Clintons hin.» Eine Lehre, die der Journalismus daraus ziehen könnte, sei: «Wir sollten uns stärker auf die Analyse von Ereignissen konzentrieren und weniger Energie damit verschwenden, sie vorherzusagen.»

Kritischer sieht es Matthias Ackeret, Chefredaktor und Verleger des Medienmagazins «persönlich». Er reiste vor der Wahl durch die USA und zieht folgendes Fazit: «Die Medien haben total versagt. Die ganze Berichterstattung war nur von Vorurteilen gespickt und von einer europäischen und New Yorker Sichtweise geprägt.» Ackeret verfolgte im Swing-State Pennsylvania Auftritte von Donald Trump und Joe Biden und folgerte: «Es gibt noch eine andere Wahrheit als die veröffentlichte. Der klassische Trump-Anhänger ist keineswegs jenes Monster wie überall beschrieben.»

Medien als Wahlhelfer Trumps
Dass die Journalisten den Puls der Amerikaner nicht gefühlt haben, ist nur ein Vorwurf an sie. Ein zweiter lautet: Die Medien haben die Wahl Trumps mit ihrer Berichterstattung überhaupt erst ermöglicht. Journalist Constantin Seibt, der im «Tages-Anzeiger» eine Wahlempfehlung für Clinton auf Englisch abgegeben hat, sagt, die US-Medien hätten die falschen Prioritäten gesetzt: «Vor allem die TV-Sender berichteten andauernd über die E-Mails von Clinton und die Skandale von Trump. Politische Inhalte und die Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten kamen zu kurz.» Aus dem «Wald von Skandalen» rund um Trump sei letztlich für das Publikum eine «farbige, interessante Figur» herausgekommen. Dass die Kritik der Medien an Trump verpuffte, erstaunt Seibt nicht: «Sie haben in all den Jahren bei ihren Lesern und Zuschauern offenbar so wenig Vertrauen aufgebaut, dass Trump das, was davon noch übrig war, mit ein paar Attacken auf die Medien zerstören konnte.»

Die These, dass die Berichterstattung Trump geholfen habe, ist besonders in Deutschland zu hören, wo sich die Medien oft als Kämpfer für die gute Sache verstehen. Finanzminister Wolfgang Schäuble äusserte sich dahingehend. Und der CEO des grössten deutschen Verlags, Mathias Döpfner von Axel Springer, schrieb auf der Frontseite der «Welt»: «Trump wurde kampagnenhaft bekämpft, aber nicht wirklich klug gestellt. Die Sorgen der Menschen, die vom politischen Establishment so sehr entfremdet waren, wurden nicht ernst genommen, sondern lächerlich gemacht. Das rächt sich. Das durchschauen die Menschen.»

Kampfbegriff Populismus
Ausgerechnet die Kritik der Medien, Trump sei ein schrecklicher Vereinfacher, fiel auf sie zurück, weil sie seinen Zuspruch in der Bevölkerung fast monokausal mit «Populismus» (oder häufiger: «Rechtspopulismus») erklärten. Was ebenfalls eine Vereinfachung ist, die einen bequem davon befreit, sich mit den Sorgen und Ängsten der «Verführten» auseinanderzusetzen. Der deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf sagte einst: «Der Populismus-Vorwurf kann selbst populistisch sein.»

Als einer der ersten Populisten in Europa gilt Christoph Blocher. In den Schweizer Medien taucht der Begriff 1992 auf, im Vorfeld der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum EWR. Blocher erinnert sich: «An einem Samstag sah ich auf einem Aushang der NZZ den Titel ‹Blocher, der Populist›. Ich musste nachschauen, was das bedeutet: Einer, der wie das Volk redet und nicht überall dasselbe sagt – je nach Publikum.» Effektiv aber kämpfte Blocher mit denselben Worten sowohl in Wirtshäusern wie im Verwaltungsrat der Bankgesellschaft SBG gegen den EWR – was dazu führte, dass ihn die Grossbank aus dem Verwaltungsrat warf.

Dieser Rausschmiss aus dem Establishment machte erst möglich, dass sich Blocher – ein gut situierter Unternehmer und Nationalrat – als unabhängig von der «classe politique» geben und gegen «abgehobene Eliten» wettern konnte. Zu diesen zählte er auch die grossen Medien, die den EWR-Beitritt einhellig zur Annahme empfahlen. Zu Trump geht Blocher auf Distanz, doch das Phänomen, dass «das Volk gegen das Establishment aufbegehrt», das erinnert ihn an die Schweiz der 1990er-Jahre. «Dank der direkten Demokratie kann sich bei uns nicht so viel Frust anstauen wie in den USA», sagt er, «das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den Eliten ist dort viel stärker.» Die Schweiz, «sogar die Medien», hätten seither einiges gelernt, die politische Korrektheit etwa sei weniger ausgeprägt als auch schon, die Meinungsvielfalt wieder grösser.

In den USA sind die klassischen Medien, neben Hillary Clinton, die grossen Verlierer dieser Wahl. Was sind die Folgen? Gerade jetzt wäre es wichtig, dem neuen, unerfahrenen Präsidenten kritisch auf die Finger zu schauen. Doch die vierte Gewalt im Staat ist nach diesem Wahlkampf geschwächt und steht wirtschaftlich unter Druck.

Die «New York Times», die wichtigste publizistische Stimme gegen Donald Trump, stellte nach der Wahl fest: «Im Journalismus ist etwas Fundamentales kaputtgegangen.»

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