Von Marc Comina*

Am 8. Oktober haben Ringier und Tamedia angekündigt, dass sie «Le Temps» zum Verkauf anbieten. Wie ein Paar Socken. Das ist ungeschickt, ungewöhnlich, fast surreal. Und hat der Zeitung einen beträchtlichen Imageschaden beschert. Seitdem glauben fälschlicherweise alle, dass die Zeitung ein finanzielles Fass ohne Boden ist, von dem sich die Besitzer entledigen wollen.

Heute leidet «Le Temps», weil die Zeitung keinen Kompass hat. Im Verwaltungsrat, wo Tamedia und Ringier zu gleichen Teilen 92,4 Prozent der Aktien halten, will niemand ein Risiko eingehen. Weder finanziell noch publizistisch. In seiner heutigen Zusammenstellung begnügt sich der Verwaltungsrat mit einer rein finanziellen Lenkung. Die Zeitung muss rentieren. Ziel: 8 Prozent Rendite pro Jahr. Übersetzt bedeutet dies einen operationellen Gewinn von 3 Millionen bei einem Umsatz in der Grössenordnung von 40 Millionen Franken. Man musste Mitarbeiter entlassen, die Seitenzahl reduzieren, Rubriken und Bünde streichen, aber das Ziel wurde in den letzten fünf Jahren zweimal erreicht.

«Le Temps» ist – finanziell gesehen – gesund, aber strategisch von der Rolle. Tamedia und Ringier haben recht, wenn sie betonen, dass «ein Mehrheitsaktionär besser in der Lage ist, Entscheidungen für den Fortbestand und die Entwicklung des Titels zu treffen». Tamedia und Ringier täuschen nicht vor, «Le Temps» verkaufen zu wollen. Sie meinen es ehrlich. Falls im Verlauf des Prozesses eines der beiden Verlagshäuser die Anteile des anderen aufkaufen muss, wird dies aus Mangel einer besseren Lösung geschehen. Nicht infrage kommt, dass das Kader von «Le Temps» die Zeitung selbst aufkauft. Zu teuer.

Denn was den Preis anbelangt, so hört man, dass er um die 15 Millionen Franken betragen soll. Die Summe ist happig. Sie hat schon einen der potenziellen Aufkäufer in die Flucht geschlagen: Jean-Claude Biver. «Ich will sicher nicht mein ganzes Privatvermögen in diese Sache stecken», sagte er der «Basler Zeitung».

Die Interessenten können bis Ende November ihr Angebot unterbreiten. Man hört, dass rund zehn Firmen oder Persönlichkeiten Einsicht in die Verkaufsdokumentation verlangt hätten. Nebst den Neugierigen: Wie viele werden wirklich ein seriöses Angebot machen, welches den Kriterien der Verkäufer entspricht? Offensichtlich sehr wenige. Christoph Blocher und Tito Tettamanti haben ihr Interesse öffentlich bekundet. Sie werden bestimmt ein Angebot unterbreiten.

Man kann aber heute schon behaupten, dass es nicht berücksichtigt wird. Ringier und Tamedia wissen ganz genau, dass die Romandie in ihrer Mehrheit allergisch reagiert auf den ehemaligen Bundesrat. Auf seine Ankunft in Genf als Besitzer von «Le Temps» würde ein Protestgeschrei losgehen. Im Vergleich mit diesem würde die Basler Krise bei der Übernahme der «Basler Zeitung» Piepsern von Vögelchen gleichen. Ohne Ausnahmen würden alle Redaktoren von «Le Temps» sofort kündigen. Und Blocher würde keine Journalisten finden, um sie zu ersetzen. Nein, Christoph Blocher wird «Le Temps» nicht kaufen. Aber wer dann?

Derzeit besteht das interessanteste und vernünftigste Szenario darin, dass «Le Temps» von der Agefi-Gruppe aufgekauft wird, die eine gleichnamige Tageszeitung besitzt. Die Synergien zwischen den beiden Redaktionen sind offensichtlich. Die Eigentümer der Groupe Agefi, Antoine Hubert (49%) und Alain Dumenil (51%), haben ihr Interesse öffentlich signalisiert. Zusammen verfügen die beiden Männer über ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Franken; sie hätten also die nötigen Mittel. Ein mögliches Hindernis: Die beiden sind in erster Linie Geschäftsleute und erst dann Verleger. Aber gerade dies könnte Tamedia und Ringier beruhigen – sie möchten die Zeitung nicht in die Hände von Träumern geben.

Weitere Optionen könnten in den nächsten Wochen publik werden. Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, hat 250 Millionen Dollar auf den Tisch gelegt, um die «Washington Post» zu kaufen. Pierre Omidyar, der Gründer von Ebay, bietet dem Journalisten Glenn Greenwald (er stand beim «Guardian» am Anfang der Snowden-Enthüllungen) denselben Betrag, um ein neues journalistisches Abenteuer zu starten.

Es fehlt der Schweiz nicht an Milliardären. Vielleicht wird schon bald einer in Erscheinung treten, um «Le Temps» einen zweiten Frühling zu ermöglichen. Fortsetzung folgt.

* Marc Comina (48) ist einer der besten Kenner der Westschweizer Medienszene. Er war Inlandchef bei «Le Temps» und auch beim Deutschschweizer Magazin «Facts». Seit 2006 ist er in der Kommunikation tätig, seit 2012 mit eigenem Unternehmen (Marc Comina Communication SA).

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper