VON MAILA BERMEJO

«Orthorektiker sind meist Menschen, die ihren Selbstwert ausschliesslich über den ‹gesunden› Körper und das ‹richtige› Aussehen definieren. Es ist ihnen wichtig, alles richtig zu machen und von den anderen akzeptiert zu werden», sagt Bettina Isenschmid, Oberärztin der Universitätspoliklinik für Klinische Ernährung des Berner Inselspitals.

Die Betroffenen verbringen immer mehr Zeit mit der Zusammenstellung ihres speziellen Ernährungsplanes. Sie vermeiden jegliche «ungesunden» Nahrungsmittel wie Fleisch, Fett oder Zucker – aus Angst, ihrem Körper damit zu schaden, ihn zu schwächen oder gar zu zerstören.

Dabei wird die Definition der «gesunden» Lebensmittel immer enger gefasst, bis schliesslich nur noch ganz wenige Nahrungsmittelgruppen wie Obst und Gemüse übrig bleiben. Die Folgen sind Mangelerscheinungen und soziale Isolation.

Im Gegensatz zur Magersucht geht es nicht primär um die Gewichtsabnahme. «Orthorektiker beschäftigen sich den ganzen Tag mit den Fragen: Esse ich das Richtige? Mache ich das Richtige? Führe ich meinem Körper irgendwelche Giftstoffe zu?», erklärt Bettina Isenschmid. Diese Angst könne so weit gehen, dass Orthorektiker aus einem Restaurant flüchten, weil sie fürchten, durch die «ungesunden» Speisen vergiftet zu werden, welche die anderen Restaurantbesucher zu sich nehmen.

«Immer mehr Menschen verlieren den selbstverständlichen Umgang mit dem Essen», sagt Isenschmid, «sie haben kein Vertrauen in ihre Körperfunktionen.» Die Oberärztin schätzt, dass heute 3 bis 5 Prozent der Schweizer, die an einer Essstörung leiden, von der Orthorexie betroffen sind. Vor vier Jahren seien es höchstens 1 bis 2 Prozent gewesen. Tendenz steigend.

Schätzungen sind jedoch schwierig, da die Orthorexie heute noch nicht als Krankheit definiert ist. Die Fachwelt ist sich nicht einig, ob es sich dabei um eine Ess-, Zwangs- oder Angststörung handelt. Diese Uneinigkeit erschwert die Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung, aber auch der Ärzte und Ernährungsberater.

«Die Dunkelziffer bei den Orthorektikern ist sehr hoch», bestätigt die Ernährungsberaterin Sonja Ricke aus Zürich. Einerseits, weil die Betroffenen selbst sich nicht für krank hielten – im Gegenteil. Andererseits, weil die Ärzte nicht realisieren würden, welche «Krankheit» hinter dem Verhalten ihrer Patienten stecke. «Der Orthorexie bringt man heute das gleiche Unverständnis entgegen wie der Magersucht vor 20 Jahren», sagt Bettina Isenschmid, «sie wird oft als Spleen abgetan und verharmlost.»

Die zunehmende Zahl von Orthorexie-Patienten kann man im Zusammenhang mit Trendthemen wie Schlankheitswahn, Körperpflege und Gesundheitsbewusstsein sehen. Diese Themen erhalten durch die Massenmedien und die Werbung einen Einfluss, dem man sich kaum entziehen kann.

«Wie stark wir uns durch den Markt und die propagierten Schönheits- und Gesundheitsnormen beeinflussen lassen, hängt von der Stärke der Persönlichkeit, der psychischen Stabilität und dem privaten sozialen Umfeld ab», sagt Erika Toman, Leiterin des Kompetenzzentrums für Essstörungen und Adipositas in Zürich.

Fakt sei: «Massiv zugenommen» habe die gedankliche Beschäftigung mit der Frage, was man essen soll, um gesund zu bleiben oder zu werden.


Aussergewöhnlich für eine Essstörung ist, dass etwa gleich viele Männer wie Frauen unter Orthorexie leiden. Die betroffenen Frauen sind in der Regel gut ausgebildet, sportlich, gesundheitsbewusst und zwischen 25 und 35 Jahre alt, weiss Bettina Isenschmid.

«Oft haben diese Frauen ein intaktes soziales Umfeld, eine Partnerschaft und Kinder.» Männer leiden im Durchschnitt über längere Lebensphasen an der Krankheit. Sie sind zwischen 20 und 50 Jahre alt, sehr sportlich und in einer guten beruflichen Stellung, in der sie mit ihrem Aussehen exponiert sind. Oft empfinden sie einen grossen gesellschaftlichen Druck.

Nun sieht das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Handlungsbedarf. Im Rahmen des «Nationalen Programms Ernährung und Bewegung 2008–2012» plant das BAG eine nationale Studie zur Häufigkeit von Essstörungen.

Erstmals soll auch problematisches Essverhalten wie bei der Orthorexie berücksichtigt werden. Aufgrund der erhobenen Daten werden dann die notwenigen Massnahmen in die Wege geleitet. Bettina Isenschmid begrüsst die Initiative des Bundes: «Aktuelle Zahlen ermöglichen uns, Übergangs- und Frühformen der Orthorexie zu erkennen und zu behandeln. Jetzt tappen wir noch weitgehend im Dunkeln.»