VON DENISE BATTAGLIA

Jean-Claude Biver ist Chef der Luxusuhrenfirma Hublot. Biver ist aber auch Bauer. Und Käser. Der Unternehmer hat sich vor sechs Jahren in La Tour-de-Peilz in der Nähe von Vevey ein Bauernhaus gekauft und einen Bauern engagiert. Seither verbringt er «so viel Zeit wie möglich» auf dem Hof, neben dem er wohnt. Und im Sommer hilft Biver dem temporär angestellten Käser auf der Alp La Neuvaz, aus der Milch, die «seine» 80 Kühe hergeben, Käse herzustellen. Damit habe er sich einen «Lebenstraum verwirklicht», schwärmt Biver. Seit seiner Jugend träume er davon, «in und mit der Natur zu leben». Die Arbeit «mit dem Ursprünglichen», wie er es nennt, gebe ihm Kraft, mache ihm bewusst, was wesentlich sei im Leben: «der sorgsame Umgang mit der Natur, Authentizität und Ehrlichkeit zum Beispiel».

Burkhard Varnholt ist Chefökonom bei der Privatbank Sarasin. Nebenbei hat er das Projekt «Kids for Africa» lanciert. Er hat vor fünf Jahren ein Stück Land in Uganda am Victoriasee gekauft, auf dem seither ein Kinderdorf heranwächst. «Ich will den Ärmsten dieser Welt etwas von meinem Glück weitergeben», erzählt er am Donnerstag kurz vor dem Abflug nach Uganda. Er lebe nach dem Prinzip: «Ein ins Wasser geworfener Kieselstein zieht Kreise.» Sein Kieselstein sei dieses Dorf in Uganda, in dem Waisenkinder in Familien aufgenommen werden, Nahrung, medizinische Betreuung sowie Bildung erhalten.

Jean-Claude Biver und Burkhard Varnholt stehen für den Typus Mann, der einen guten Job hat und zugleich eine zweite Leidenschaft pflegt. Mehr und mehr Männer reduzieren dafür ihr Arbeitspensum. So beklagte sich Swiss-Chef Harry Hohmeister im «Sonntag» über die vielen Teilzeit arbeitenden Piloten, die nebenher als Lokführer, Bauern oder Pistenpräparatoren arbeiten. Die Zahl der Schweizer Männer, die Teilzeit angestellt sind, hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt, auf rund eine Viertelmillion. Die Motive sind unterschiedlich – viele erfüllen sich einen Lebenstraum, verbringen mehr Zeit mit der Familie oder engagieren sich für Projekte.

«Sie suchen etwas Sinnstiftendes», sagt Norbert Thom, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Direktor des Instituts für Organisation und Personal der Universität Bern, über die Teilzeit-Männer. Dass ausserberufliche Engagements im Trend liegen, habe vermutlich auch damit zu tun, dass in der Gesellschaft ein Wertewandel stattgefunden habe. Galt in den letzten drei Jahrzehnten etwas, wer reich war, ist Wertschätzung und Anerkennung heute vermehrt an sichtbare Leistung gebunden. «Schweizer des Jahres», so Thom, «wird, wer etwas geleistet hat.»

Dass sich Männer heute Lebensträume verwirklichen können, verdanken sie auch den arbeitenden Frauen, die mit ihrem Einkommen das Haushaltbudget speisen. Nur Gutverdienende können es sich leisten, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, ohne ihren Lebensstandard einschränken zu müssen. «Das ist nur einer kleinen Gruppe vergönnt», betont Kissling, Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden. Dabei sei ein selbst gewünschtes Engagement neben dem Beruf «extrem gesundheitsfördernd», sagt der Mediziner. «Wer einer Beschäftigung nachgeht, die er als sinnvoll erachtet, der schöpft daraus Kraft.» Deshalb, sagt Ökonom Thom, lohne sich Teilzeitarbeit und Jobsharing auch für den Arbeitgeber. Teilzeitangestellte arbeiteten konzentrierter und seien motivierter als Vollzeitangestellte.

Zumindest Sandro Bross, dem Inhaber eines Coiffeurgeschäfts in Baden, bekommt sein freier Donnerstag gut. Er hat vor einem Jahr sein Arbeitspensum auf 80 Prozent reduziert, damit er seiner zweiten Leidenschaft, der Fotografie, nachgehen kann. «Beim Fotografieren kann ich meine Kreativität ausleben, das gibt Energie», sagt Bross.

Ähnlich geht es Peter Eckert, dem ehemaligen operativen Leiter der Zürich Versicherung und heutigen Verwaltungsratspräsidenten der Privatbank Clariden Leu. Sein «Elixier» ist sein Weinberg in seiner «zweiten Heimat» Portugal. Eckert hat vor zwanzig Jahren ein Stück Land gekauft, Reben angepflanzt und sich in den letzten Jahren autodidaktisch zum Önologen ausgebildet. «War der Druck gross, ging ich für ein Wochenende auf mein Weingut. Dort konnte ich alles vergessen», sagt er. Seit er pensioniert ist, verbringt er noch mehr Zeit in Portugal.

Viele Männer arbeiten aber nicht mehr bis zur regulären Pension, sondern geben das Erwerbsleben vorher auf – um sich noch einen Wunsch zu erfüllen. «Frühpensionierung bei Männern», sagt Dieter Kissling, «ist ein neues Phänomen». An Frühpension denkt auch Urs Ackermann, Pressesprecher der Zürcher Kantonalbank. Der 54-Jährige engagiert sich für das Kinderhilfswerk Arco in Brasilien. Vor einem Jahr hat er ein dreimonatiges Volontariat in den Favelas in der Nähe von São Paulo absolviert. Brasilien sei seine Liebe, sagt er, die Strassenkinder seine Sorge. In sechs Jahren möchte er in Pension gehen und sich stärker um diese Kinder kümmern. Auch er möchte «noch etwas Sinnvolles tun».

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