Im Abschied fallen manchmal die ehrlichsten Worte: «Kein anderer Kommentator spaltet die Fussballfans wie er», schrieb der «Spiegel» vor wenigen Tagen über Marcel Reif. Dabei sei es ganz einfach: «Niemand kann mit ihm mithalten – er ist der Beste.»

Jetzt macht «der Beste» Schluss. Nach 17 Jahren beim Bezahlsender Sky. Deutschland weint. Und die Schweiz? Die bekommt womöglich einen neuen «Schnurri der Nation».

Seit Reifs Rücktrittsankündigung spekulieren deutsche Medien über ein Engagement beim Schweizer Fernsehen. «Vorstellen kann ich mir vieles», sagt Reif auf Anfrage. «Nur schreibe ich mit 66 Jahren und nach 34 Jahren im Geschäft keine Bewerbungen.» Er wartet auf Angebote. Das weiss auch das Schweizer Fernsehen. «Marcel Reif ist eine interessante Persönlichkeit», heisst es vonseiten des Senders. Allerdings bestehe derzeit kein Kontakt.

Einen starken Befürworter hat Reif bereits: Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld lobt ihn in den höchsten Tönen. «Er ist ein erstklassiger Kommentator, der einen hohen Fussballsachverstand hat», sagt der ehemalige Nati-Trainer. «Er beherrscht alle Facetten der Kommentierung.» Ausserdem kenne sich Reif in allen Ligen Europas aus und habe eine immense Erfahrung.

Von dieser Erfahrung könnte auch das Schweizer Fernsehen profitieren. Als sich im November TV-Direktor Ruedi Matter den Fragen der Zuschauer stellte, waren nicht Billag-Gebühren, die «Arena» oder die «Swiss Awards» Thema Nr. 1, sondern die Sportkommentatoren. «Diä schnorred zviel», bemängelten die Gäste.

«Wir werden im Frühling über die Zusammensetzung der neuen Saison sprechen», sagt Sport-Chefredaktor Peter Staub. Dann könne auch über Reif diskutiert werden. Noch sei es allerdings zu früh, um sich damit zu befassen. Was für Reif spricht: Er ist nicht nur Kommentator, er wäre auch ein geeigneter Experte für Halbzeit-Analysen.

Die Sprache ist Reifs Markenzeichen. Das war schon immer so. Gespräche mit ihm sind eine Mischung aus Literaturclub und Stammkneipe. Mit seiner Wortgewalt hat er es einmal geschafft, dass man zum Fussball gar keinen Fussball mehr brauchte. 1998 spielte Real Madrid gegen Borussia Dortmund, als das Tor vor Anpfiff zusammenbrach. Fast 13 Millionen Zuschauer fieberten mit, als Günther Jauch und Marcel Reif abendfüllende 76 Minuten die «Heimwerkersendung ‹Wie repariere ich ein Fussballtor?›» moderierten – als dann endlich gespielt wurde, gingen sechs Millionen ins Bett. Das Beste war schliesslich vorbei.

Reif lebt seit über 18 Jahren am Zürichsee im beschaulichen Rüschlikon. 2013 wurde er eingebürgert, seinen deutschen Pass hat er abgegeben. In Talkshows der ARD gibt er manchmal den «Schweiz-Erklärer». Immer neckisch, immer liebevoll.

«Es gibt eine faszinierende Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Grössenwahn», sagt er über die Schweiz. Das sei ihm hochsympathisch. «Hier will ich nie mehr weg.» Vielleicht wird seine Wahlheimat auch bald seine berufliche Heimat.

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