VON FELIX STRAUMANN

Bleibt Rosa Rein eine Ausnahmeerscheinung? Oder ist sie der Normalfall der Zukunft? Die bislang älteste Einwohnerin der Schweiz starb vergangene Woche kurz vor ihrem 113. Geburtstag in einem Altersheim in Paradiso bei Lugano. Friedlich sei sie am Nachmittag eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Vor 50 Jahren lag der Altersrekord noch bei 104 Jahren – heute ist dies keine Besonderheit mehr. Das Gleiche dürfte auch mit dem Rekord von Rosa Rein passieren. Doch nicht nur die Altersrekorde der Schweizerinnen und Schweizer steigen und steigen, auch der Durchschnitt wird immer höher. Gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) hat die Lebenserwartung in den letzten 130 Jahren von rund 40 Jahren (1878) auf 84,2 Jahre bei den Frauen und 79,4 Jahre bei den Männern (2007) zugenommen. Sie gehört zu den höchsten der Welt.

Selten wurde so viel über Altern und Lebenserwartung gestritten, wie in diesen Tagen, vor der Abstimmung über den Umwandlungssatz bei den Pensionskassen. Dabei stellt kaum jemand infrage, dass die Lebenserwartung weiter steigen wird. Doch ein Naturgesetz ist dies nicht: Vor fünf Jahren prognostizierte der amerikanische Epidemiologe Jay Olshansky im renommierten Fachblatt «New England Journal of Medicine», dass in den nächsten 50 Jahren die Lebenserwartung der Amerikaner um zwei bis fünf Jahre sinken könnte. Grund für seine Vorhersage war die dramatische Zunahme von Adipositas (Fettleibigkeit) in den USA, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. Fünf Jahre später sagt der US-Epidemiologe: «Die seither angehäuften Daten weisen darauf hin, dass Adipositas weiter stark zugenommen hat, weshalb möglich ist, dass die Lebenserwartung sogar noch schneller abnimmt, als wir dies vorausgesagt haben.»

Auch von europäischen Ländern wie den Niederlanden, Dänemark oder Norwegen weiss man, dass lange Phasen mit stagnierender oder vorübergehend sogar rückläufiger Lebenserwartung auch in industrialisierten Ländern nichts Ungewöhnliches sind.

Gewarnt wird auch in der Schweiz. So schreiben Experten in einem Präventionsbericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) von 2006, es müsse «heute angesichts der starken Zunahme der chronischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Übergewicht, Diabetes oder stressbedingte Störungen, eine Trendwende befürchtet werden». Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) aus dem gleichen Jahr: «Nach der Meinung von Experten könnte die heutige Generation die erste sein, die eine tiefere Lebenserwartung hat als die vorhergehende.» Ursache dafür wäre neben der Zunahme von Zivilisationskrankheiten die Tendenz, dass sich künftig Teile der Gesellschaft die Gesundheit nicht mehr leisten können oder wollen.

Das sind unerwartet düstere Prognosen. Doch die Schweiz scheint einmal mehr zu den Glücklichen zu gehören. Denn hierzulande gehören die Warner zu einer Minderheit. Nicht nur die Prognosen von Versicherungen, sondern auch die des BfS zeigen alle nach oben. «Ein Ende des Anstiegs oder gar ein Rückgang der Lebenserwartung ist nicht in Sicht», sagt Stéphane Cotter, Sektionschef Demografie und Migration beim BfS. Unter anderem auch, weil Fettleibigkeit lange nicht so verbreitet ist wie in den USA.

Das BfS geht für seine Prognosen von verschiedenen Szenarien aus, die zum Beispiel berücksichtigen, wie stark künftig die Prävention bei der Verkehrssicherheit, beim Suizid oder Rauchen greifen wird. Oder ob schwere Epidemien oder Resistenzen gegen wichtige Antibiotika auftreten. Auch Themen wie die Entwicklung der Gesundheitsversorgung, die Klimaerwärmung und die Migration werden in solche Szenarien einbezogen. Jeder dieser Faktoren ist mit einer grossen Unsicherheit behaftet. Trotzdem ist Cotter überzeugt: «Die Szenarien, die wir berechnet haben, beruhen nicht auf extremen Annahmen, sie sind alle plausibel.» Demnach wird die durchschnittliche Lebenserwartung der Schweizerinnen und Schweizer im Jahr 2050 zwischen 85 und 90 Jahren liegen.

Der Schlüssel für solche Traumwerte ist laut Fachleuten die Prävention, denn alle anderen Einflussfaktoren sind weitgehend ausgereizt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war die rückläufige Säuglings- und Kindersterblichkeit verantwortlich für den Anstieg der Lebenserwartung. «Das hat nicht primär medizinische Gründe, sondern hängt vorwiegend mit der Verbesserung der Hygiene, Ernährung und der Lebensumstände zusammen», sagt Marcel Zwahlen vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern.

Seit 1950 verschob sich der Anstieg der Lebenserwartung zu den 60- bis 80-Jährigen. Fachleute vermuten, dass dies mit Fortschritten in der medizinischen Versorgung insbesondere durch Antibiotika zusammenhängt. Aber auch die verbesserten Lebensumstände im Alter durch die Einführung der staatlichen Altersvorsorge wird eine Rolle gespielt haben. Ab 1970 haben vor allem Verbesserungen bei der Behandlung und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Lebenserwartung steigen lassen.

Bleibt die Frage: Ist irgendwann Schluss? «Fachleute sind sich nicht einig, wo die Grenze ist. Klar ist, dass es eine geben muss», sagt Zwahlen. Der renommierte amerikanische Gerontologe Denham Harman folgerte beispielsweise vor einigen Jahren aus bisherigen Forschungen, dass das maximale Alter bei 122 und die durchschnittliche Lebenserwartung bei rund 85 Jahren liegen. Sollte er recht behalten, dann sind in der Schweiz zumindest die Frauen bereits heute nahe an dem, was überhaupt herauszuholen ist. Zwar müssten dann viele der heutigen Prognosen revidiert werden – künftige Rentendiskussionen würden dadurch wenigstens einfacher.

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