VON FELI X STRAUMANN

Menschen verhalten sich manchmal wie Fische. Diesen erstaunlichen Befund belegt ein Grossexperiment des deutschen Biologen Jens Krause. Er liess 200 Personen, mit der Anweisung beieinanderzubleiben, in einer grossen Halle umhergehen. Bereits nach kurzer Zeit drehte sich die Menschenmasse wie ein Fischschwarm in einem Wirbel um ein imaginäres Zentrum.

Nicht genug: Krause wiederholte das Experiment, sagte davor aber einer Handvoll Teilnehmer, dass sie ein bestimmtes Ziel ansteuern sollen. Wie bei Fischen reichte dies aus, um die gesamte Menschenmasse zu diesem Ort bewegen zu lassen – ohne dass gesprochen oder Signale gegeben wurden.

«Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Mensch sein Verhalten nur aufgrund von Informationen aus Wörtern oder Gesten anderer ausrichtet», sagt Krause. Für den Fischereibiologen von der Humboldt-Universität Berlin ist das Experiment sehr ungewöhnlich: «Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal über das Verhalten von Menschen forschen würde.»

Wirtschaftskrise, Klimakrise, Bankenkrise, Libyenkrise – in schwierigen Zeiten ruft alles nach Führung. Doch es sind nicht nur die Obamas, Merkels oder Blochers, die führen. Führer und Geführte gibt es in allen Lebensbereichen und zu allen Zeiten. Forscher suchen zunehmend in der Menschheitsgeschichte und der Tierwelt nach Antworten, warum wir häufig nur dank dieser Rollenaufteilung erfolgreich sind. Dabei werden sie nicht nur bei den Fischen fündig.

«Führungsverhalten bei Menschen gleicht in vielen Punkten demjenigen von Tieren», ist Mark van Vugt überzeugt. Der niederländische Sozialpsychologe untersucht an der Universität Amsterdam das Verhalten von Anführern und Gefolgschaft unter dem Blickwinkel der Evolution. Dabei sieht er Parallelen zu Fischschwärmen, Bienen oder Zugvögeln: «Sie alle müssen ihr Verhalten in der Gruppe koordinieren, weil sie allein nicht zum Ziel kommen.» Allerdings scheine Führung bei den meisten Tieren ohne komplexe kognitive Fähigkeiten nach einer einfachen Regel zu funktionieren: Wer sich zuerst bewege, dem werde gefolgt, so van Vugt.

Auch unsere engsten Verwandten, die Schimpansen, orientieren sich an Anführern, um das Umherziehen der Gruppe zu koordinieren, Frieden zu bewahren oder Kämpfe auszutragen. «Es gibt ganz klar eine Kontinuität von Führungsverhalten von den Tieren zum Menschen», beobachtet van Vugt. Doch er sieht natürlich Unterschiede:

Die Führungsstrukturen bei Menschen sind komplexer und mehrstufig. Zum Beispiel in einer Firma mit mehreren Abteilungen und Aussenstellen.

Die Grössenordnungen sind anders. So führt der US-Präsident über 300 Millionen Amerikaner.

Die Führungspersonen werden in institutionalisierten Verfahren bestimmt. In Demokratien beispielsweise durch eine Wahl, in Monarchien durch Vererbung.

Ob US-Präsident, Terroristenführer, Verkaufsleiter oder Bandleader – unterschiedliche Gruppen erfordern unterschiedliche Führungsstile und -persönlichkeiten. Doch die Urzelle, in der das menschliche Verhaltensrepertoire gebildet wurde, ist für Sozialpsychologen wie van Vugt die halbnomadische Jäger-und-Sammler-Gruppe.

In solchen Verbänden aus 50 bis 150 Individuen organisierten sich Menschen mutmasslich die längste Zeit in ihrer Evolution, seit dem Erscheinen der Gattung Homo vor rund 2,5 Millionen Jahren. Heute existiert diese Lebensform noch bei abgelegenen Völkern wie zum Beispiel den !Kung San in der Kalahariwüste oder den Yanomami-Indianern in der Amazonasregion.

Im Wesentlichen sind solche Gruppen egalitär strukturiert. Die besten Jäger oder die weisesten Alten haben zwar einen gewissen Führungsanspruch, doch ist der Einfluss auf den Bereich begrenzt, in dem sie sich besonders ausgezeichnet haben und er muss ihnen von der Gruppe gewährt werden.

«Durch die menschliche Evolution entstand die Flexibilität, je nach Situation zum Anführer oder zum Geführten zu werden», sagt van Vugt. «Diese Fähigkeit ist sicher das Erfolgsrezept des Menschen.» Dies hat sich auch nicht verändert, als mit der Entwicklung der Landwirtschaft vor etwa 13 000 Jahren hierarchischere Führungsstrukturen und grössere Organisationseinheiten entstanden.

Der Blick in die menschliche Vergangenheit erklärt aus Sicht von van Vugt auch unsere Vorlieben für bestimmte Eigenschaften von Führungspersönlichkeiten. Vor allem körperliche Merkmale, die bis heute erstaunlicherweise eine Rolle spielen, könnten so erklärt werden. Eine Übersichtstudie der US-Psychologen Timothy Judge und Daniel Cable fand beispielsweise einen eindeutigen Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg und Körpergrösse. «Kleine Führer wie Napoleon oder Berlusconi sind eher die Ausnahmen, die die Regel bestätigen», so van Vugt.

Auch das Alter und die damit verbundene Erfahrung spielt eine Rolle – allerdings könne auch in gewissen Situationen Stärke und Durchhaltevermögen gefragt sein. Bei Wahlen würden deshalb häufig körperlich fitte, dynamische Kandidaten bevorzugt.

Mark van Vugt wagt sich mit seinem evolutionären Blick auch an die Geschlechterfrage, «auch wenn dies sehr umstritten ist». So neigten Teilnehmer einer britischen Studie der University of Stirling, in der Präsidentenwahlen simuliert wurden, bei Krieg zur Wahl eines Mannes, während sie in Friedenszeiten zu einer Präsidentin tendierten.

Andere Experimente zeigen, dass sich Gruppen tendenziell nach einem männlichen Führer umsehen, sobald sie von einer anderen Gruppe bedroht werden, bei gruppeninternen Konfliktsituationen wurden hingegen Frauen bevorzugt. Für Van Vugt keine Überraschung: «Je nach Problem, das durch Anführer gelöst werden soll, braucht es einen anderen Führungsstil.»

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