Dass wir alle Serien schauen, stimmt natürlich nicht. Leute mit Kindern schauen zum Beispiel deutlich weniger Serien, denn Kinder verunmöglichen die schöne Konzentration auf eine kinderfremde Sache. Und Leute, die enorm viel arbeiten, natürlich. Ebenfalls Leute, die Sofasitzen für eine Art von abscheulichem Anti-Sport halten. Oder Leute, die sich einfach nicht für Amerika interessieren. Obwohl man ihnen mittlerweile zurufen kann: Dann konsumiert doch eine englische, dänische, schwedische oder französische Serie!

Männer schauen gern «True Detective» und «Breaking Bad». Also jeder Mann, den ich nach seiner Lieblingsserie fragte, sagte: « ‹True Detective› oder ‹Breaking Bad›.» Zwei Serien, in denen es zu Beginn einem Mann jeweils brutal schlecht geht, er ist dann sogenannt gebrochen, und durch einen total asozialen Alleingang schwingt er sich zum Helden auf. Simpel, aber effizient. Als spielte sich ein Fussballclub innerhalb einer Saison vom Tabellenende an die Spitze.

Frauen schauen lieber komplexe Serien, am allerliebsten, wenn sich die Komplexität einer Erzählung mit einer gewissen Schönheit des Schauens verbinden lässt. Frauen schauen zum Beispiel exorbitant gern «Sherlock», obwohl sich Benedict Cumberbatch jetzt verlobt hat. Weil da die alte britische Detektivgeschichte neu und zugleich nostalgisch umgesetzt wird. Quasi in einen spektakulären Retrofuturismus. Und weil die Beziehung zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson immer schon mehr etwas von einer Mann-Frau- als von einer Mann-Mann-Beziehung hatte.

Frauen schauen auch exorbitant gern «Mad Men»: Männer, genauer New Yorker Werber, die zu Beginn der 60er-Jahre und zu Beginn der Serie die alles überragenden Macho-Helden sind, verbleichen im Lauf der gesellschaftlichen Entwicklungen eines Jahrzehnts nach und nach. Alle anderen blühen auf. Auf der Folie eines patriarchalen weissen Wertezerfalls entwickelt sich das Amerika von heute.

Das ist breit und intelligent, sieht verrückt gut aus und hatte seit 2007 noch keinen Durchhänger. Und wie viel haben wir dabei gelernt!

Überhaupt kann man aus sehr vielen Serien sehr viel lernen: natürlich aus den historischen wie «The Knick» (Chirurgie vor 100 Jahren), «Masters of Sex» (die Entdeckung des weiblichen Orgasmus vor über 50 Jahren), «The Americans» (Doppelagenten im Kalten Krieg) oder «Downton Abbey» (der britische Adel und die Weltkriege). Aber auch aus den exzellenten unter all den Arzt-, Politik- und Anwaltsserien. Nach «The West Wing» begreift man das Weisse Haus. «Dr. House» entschlüsselte schon einige sagen wir nervlich bedingte Krankheiten, noch bevor sie Mode wurden. Und «The Good Wife», die grandiose Serie über eine Anwältin und Politikergattin, seziert die kriminellen Mechanismen und Verstrickungen von amerikanischer Politik und Ökonomie derart virtuos und zugleich unterhaltsam, dass einem die Augen übergehen vor lauter Makellosigkeit. Dabei wird eigentlich nur geredet und im Reden analysiert.

Serien wie «The Good Wife» oder «Dr. House» ersetzen damit mehr als alles andere den Psychoanalytiker, den wir menschenscheuen, am liebsten irgendwo im Internet verschwindenden Couch-Potatoes sonst vielleicht brauchten. Und wie einen Analytiker können wir sie wieder und wieder aufsuchen, wie beim Analytiker hat die Audienz eine ganz bestimmte Dauer, zur Grundausstattung gehört ein Sofa, doch im Gegensatz zum Analytiker ist es erst noch (fast) gratis. Zugleich sind wir damit eingebunden in einen globalen Zusammenhang, unser Rückzug ins Serienuniversum bedeutet, dass wir mitreden können, ja sogar zu Experten werden, und zwar zu globalen Experten, es gibt – jedenfalls in der westlichen Welt – wohl wenige Orte, an denen man nie von «House of Cards» oder «Game of Thrones» gehört hat.

Und so sind wir Serienfreaks über die Serientherapie nicht nur ganz für uns selbst sehr glücklich, sondern am Ende sogar gesellschaftsfähig geworden. Und je süchtiger wir sind, desto mehr Respekt erzielt unsere Expertise. Wissen ist Macht. Deshalb schauen wir Serien. Tun Sie es auch!

* Simone Meier ist Journalistin beim Online-Newsportal «Watson» und leidenschaftliche Serien-Seherin.

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