Alle Jahre wieder das gleiche Spektakel. Ein Soziologieprofessor macht die Medien madig und die Medien reagieren pikiert. Das ist der Qualität der Debatte über die Qualität der Medien nicht förderlich.
Kurt Imhof ist ein Romantiker. Er sehnt sich nach den Zeiten zurück, als Zeitungen noch weitgehend einer Partei nahestanden oder mindestens für eine klare Wertvorstellung eintraten und somit klar verortbar waren. Ihm sind die heute üblichen Forumszeitungen, die sich zwar nicht zwingend als neutral, aber offen für alle Strömungen zeigen, ein Gräuel. Noch gruseliger findet er dieses Internet, wo Krethi und Plethi qualitätsniedrige Inhalte fabrizieren, vielmehr zusammenschustern – und diese Ware dann auch noch gratis auf den Markt werfen.

Kurt Imhof ist aber auch ein Verkäufer. Und zwar seiner selbst. Er, dessen Karriere weitgehend auf seinem allzeit bereiten Einsatz als Allzwecksoziologe fundiert, kennt die Medienmechanik bestens. Er kritisiert sie, nutzt sie aber selber. Seinem Jahrbuch «Qualität der Medien», das durchaus nicht so verdammungswürdig ist, wie es die Medienbranche gerne hinstellt, nimmt er die Relevanz gleich selbst, weil er es bei der Präsentation jeweils nicht lassen kann, auf Boulevardmethoden zu setzen.

Imhof, der den Begriff «Skandalisierung» sowie sämtliche Ableitungen davon für sich reklamiert, tut genau das: Er spitzt zu, nennt Newsrooms «journalistische Verrichtungsboxen», faselt von der «Diktatur der Reichweite», attestiert der Branche wider besseres Wissen ein tiefes Selbstreflexionsniveau und lässt praktisch kein gutes Haar an der Arbeit von uns Journalistinnen und Journalisten. Imhof nervt, weil er uns beleidigt und abwertet. Pauschal, grob, undifferenziert. Und ebenso wird ihm zurückgegeben.

Dabei ist seine Arbeit wertvoll. Er weist empirisch nach, wie es um die Branche steht. Die Erkenntnisse sind zwar nicht neu, aber wissenschaftlich fundiert – und müssten von den Verlagsspitzen und in den Redaktionsstuben wenigstens zur Kenntnis genommen werden:

> Die (selbst herangezogene) Generation Gratis zerstört das klassische Geschäftsmodell der Zeitung. Werbe- und Aboeinnahmen erodieren.

> Die Investition in Qualität rentiert nicht mehr. Es wird gespart. Die verbliebene zahlungsbereite Kundschaft sieht ihre Bedürfnisse nicht mehr erfüllt und wandert ab. Ein Teufelskreis.

Es ist aber durchaus nicht so, dass Abbau die einzige Antwort auf diese Entwicklung wäre. Im Aargau entsteht das «Badener Tagblatt» neu, die «NZZ» investiert Millionen in eine publizistische Vorwärtsstrategie, alle Verlage rüsten technisch auf, um ihre Kunden auf allen Kanälen bedienen zu können, und in Graubünden entsteht nicht nur ein neues Medienhaus, sondern auch eine völlig neu konzipierte «Südostschweiz».

Das wird Imhof nicht beeindrucken. Sein Qualitätsbegriff reduziert sich auf die staatspolitische Rolle der Medien. Da haben wir ihn wieder, den Romantiker, der lieber vier Seiten protokollartige Berichterstattung aus dem Kantonsrat liest, als eine Politgeschichte, welche die Menschen wirklich betrifft, so aufbereitet, dass sie auch gelesen wird. Er gehört damit zu einer verschwindend kleinen Minderheit – und ist für eine Zeitung, die sich im Markt behaupten muss und will, nicht interessant.

Womit wir beim liebsten Thema all jener sind, die ihre Felle davonschwimmen sehen: staatlicher Beihilfe. Auch Imhof, der alte Sozialist, redet ihr das Wort. Er präferiert ein Modell, bei dem nicht Verlage, sondern Redaktionen für gewisse Leistungen direkt unterstützt werden. Abgesehen davon, dass es unweigerlich zu (noch mehr) politischen Einflussversuchen kommen würde, würden aus heute noch lebendigen, kreativen und lesernahen Zeitungen mit weitem Themenspektrum innert Kürze Special-Interest-Postillen für Politiker, Verbandsspitzen und Wirtschaftsführer werden. Und die heutige (noch immer sehr zahlreiche) Leserschaft wäre endgültig ins Reich der Gratismedien vertrieben.

Der Weg muss ein anderer sein: Jedes Medienprodukt für sich, nicht Pauschal-General Imhof, muss seinen Qualitätsstandard definieren. Jede Redaktion für sich hat sich zu fragen, welche Rolle im direktdemokratischen Diskurs sie übernehmen will und kann. Das Jahrbuch ist eine wichtige Grundlage für die Arbeit. Sein Publikum zu kennen eine andere. Jede Journalistin, jeder Journalist muss diese Parameter verinnerlicht haben – und dazu den Mut, gezielt wider den Stachel zu löcken. So entsteht eine relevante, interessante und unterhaltende Zeitung, die Reibungsfläche und Nestwärme bietet.

Allein, es fehlt an Selbstvertrauen. Hätten wir es, würde Imhof uns nicht nerven.

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