VON CLAUDIA WEISS

Manche klammern sich tollkühn an fahrende Züge oder probieren gefährliche Drogen. Andere hängen tagelang antriebslos mit Kollegen herum, oder sie reagieren auf einfache Aufträgewie «Füttere bitte die Katze» mit einem freundlichen Nicken, setzen sich wenig später versunken ans Klavier und vergessen augenblicklich alles andere.Sooder so, Heranwachsende können ihre Umgebung ganz schön zur Verzweiflung bringen.

Ein Trost für alle Beteiligten: Die Jugendlichen können nur beschränkt etwas dafür. Sie sind aufgrund von enormen biologischen und psychischen Veränderungen aus dem Gleichgewicht geraten. Sie leiden längst nicht nur unter der Hormonwelle, die sie in der Pubertät überschwappt: Was sogar die Wissenschafter bis in die 90er-Jahre verkannten, ist die Tatsache, dass nebst dem Körper auch das heranwachsende Gehirn zeitweise völlig aus der Balance gerät. «Hier geht es nicht nur um eine leichte Modifizierung des Denkorgans, wie frühere Forscher vermuteten, sondern um eine tiefgreifende Veränderung», sagt Peter Uhlhaas.

Der Psychologe am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main hat soeben eine umfassende Studie mit rund 100 jugendlichen Probanden abgeschlossen, die er auf sämtliche physischen und psychischen Merkmale untersucht hat. Die Auswertung dauert noch mindestens ein Jahr, aber so viel kann Psychologe Uhlhaas jetzt schon sagen: «Die Veränderungen besonders in der späten Adoleszenz, also zwischen 15 und 18 Jahren, sind enorm: Nebst biologischen, hormonellen und psychologischen Veränderungen findet im Gehirn eine umfassende Neuorganisation statt.»

Für ihn ist es kein Wunder, dass Jugendliche da die Balance verlieren – und manchmal scheinbar auch den Verstand: «Einerseits hinkt der frontale Cortex, das Kontrollzentrum für Vernunft und angemessenes Handeln, der Entwicklung anderer Hirnareale hintennach. Andererseits läuft das limbische System – jener Teil des Gehirns, welcher der Verarbeitung von Emotionen und Trieben dient – auf Volldampf.» Diese Kombination kann Jugendliche zu abenteuerlichen Taten antreiben, während sie noch gar nicht in der Lage sind, die Folgen ihres Tuns abzuschätzen – und das oft bis weit in die Zwanzigerjahre hinein.

In dieser heiklen Phase ist das Gehirn besonders plastisch, das heisst, es lässt sich stark prägen: Nicht benutzte Nervenverbindungen werden zurückgebildet, dafür werden die benutzten Verbindungen verstärkt und mit einer schützenden weissen Schicht, der so genannten Myelinschicht, umgeben. Das bedeutet, Jugendliche können durch ihr Verhalten ihre Gehirnentwicklung mitprägen, indem sie nicht bloss vor dem Fernseher herumsitzen oder sich zudröhnen, sondern ihren Kopf auch zum Lernen oder für kreative Hobbys einsetzen. Unter Fachleuten wird das salopp mit «use it or lose it» ausgedrückt.

Was aber Wissenschafter wie Peter Uhlhaas noch mehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass in dieser plastischen Zeit das Gehirn auch besonders anfällig ist für die Entstehung von psychischen Krankheiten wie Schizophrenie, Depressionen oder Suchterkrankungen. «Über diese vernachlässigte Entwicklungsphase werden wir noch viel herausfinden müssen», prophezeit er.

Im März 2011 erscheint das Buch «Das adoleszente Gehirn» von Peter Uhlhaas, Max-Planck-Institut für Hirnforschung, und Kerstin Konrad von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule.

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