Du meine Güte, das ist kein Regen, das ist die Sintflut! Wer jetzt im Emmental unterwegs ist, muss Wichtiges im Sinn haben. Ich jedenfalls bin eines Anlasses wegen nach Rüegsau gefahren, auf den ich mich seit Tagen freute. Der Jodlerklub Hasle-Rüegsau will in der akustisch geeigneten Dorfkirche seinen neuen Tonträger vorstellen. Das Publikum ist überschaubar, was verständlich ist bei diesem Hudelwetter; immerhin ist es wohlgesinnt.

Es ist der 22.September 2012, ein Samstag. Mein letzter Einsatz als Journalist. Das Konzert leidet ein wenig unter der Erkältungswelle, die in diesen Tagen vor nichts und niemandem haltmacht. Hannes Fuhrer, der Dirigent des Klubs und einer der wichtigsten Genre-Komponisten der Gegenwart, sagt, er habe sich bei den letzten Proben wie in einem Lungensanatorium gefühlt. Ständiges Husten und Hüsteln, permanentes Gruchsen und Schneuzen.

Das Konzert ist zu Ende. Ich bleibe in der Kirchenbank sitzen, weil ich nie zu den Ersten gehöre, die einem Ausgang zustreben. Fuhrer, ein Mann mit feinem Sensorium für die Natur und wachem Gespür für Menschen, kommt auf mich zu. «Bist Du traurig?» Bin ich traurig?

Vor genau 35 Jahren bin ich in den Journalismus eingestiegen. Bei einer damals neuen Gratiszeitung in Winterthur. Das erste Telefonat als Redaktor führte ich mit dem 30-jährigen Ernst Wohlwend, SP-Gemeinderat und interimistischer lokaler Parteipräsident. Zwischen Gesprächen mit Politikern und einem Jodelabend in einer Dorfkirche liegen weite Felder.

Kann, wer so viele Äcker bewirtschaftet, irgendwann auch ernten? In meinem Fall ist die Ernte karg ausgefallen. Ich konnte – vielleicht – dank einer intensiven, ja beinahe schon intimen, jedenfalls aussergewöhnlich engen Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstorbenen Alt-Nationalrat Otto Nauer dazu beitragen, dass die in den frühen Neunzigerjahren noch weitgehend tabuisierte Alzheimerkrankheit und ihre Auswirkungen auf die Angehörigen einem breiteren Publikum bekannt wurden. Möglicherweise habe ich auch beim einen oder andern grundsätzlichen Nasenrümpfer Interesse an der fortschrittlichen Volksmusik geweckt.

Das ist nicht viel für einen, der 1977 auszog, als Journalist die Welt zu verändern. Menschlicher sollte sie werden und gerechter. Ich verstand mich als journalistischer Anwalt der Leute, die im bürgerlichen Winterthur (mit dem damals stockkonservativen «Landboten» als Monopolblatt) nicht oder nur selten zu Wort kamen. Das gefiel den Lesern, nicht aber den Inserenten. Nach knapp zweieinhalb Jahren wurde ich fristlos entlassen, und die Zeitung, die es heute nicht mehr gibt, neu ausgerichtet. An der heillos überfüllten Solidaritätsveranstaltung im alten Stadthaus (Motto: «Pressefreiheit von Fall zu Fall») war Niklaus Meienberg der Hauptredner.

Der Rausschmiss entpuppte sich als Chance: Ich konnte zum «Tages-Anzeiger» wechseln. Zu der Zeitung, mit der ich quasi lesen gelernt hatte. Sie war in der Schweiz die Hochburg des aufklärerischen Journalismus. Ein Artikel von Chefredaktor Peter Studer vom 15.Juni 1979, in dem er den Inserate-Boykott des Autoimporteurs Jean Frey öffentlich machte und scharf kritisierte, hatte – säuberlich ausgeschnitten – in meiner Wohnung jahrelang einen Ehrenplatz.

In den Achtzigerjahren veränderte sich die Medienlandschaft radikal. Zuvor waren die Chefredaktoren mehr oder weniger autoritäre Patrons, mehr oder weniger schreibgewaltige Journalisten gewesen, die sich aber der Auseinandersetzung mit den jungen, wilden Nachwachsenden stellten. Jetzt begannen sich in den Verlagen Managertypen in den Vordergrund zu schieben, die bloss noch «Produkte» herstellen wollten. Was früher «Stil» genannt wurde, hiess nun «Schreibe». Entsprechend nebensächlich wurde das sprachliche Ausdruckvermögen. Dafür kamen Thesengeschichten in Mode. Heute diese Behauptung in die Welt gesetzt, morgen deren Gegenteil. Die zynischen Verlagsmanager machten zunehmend eher schwache Figuren zu Chefredaktoren aus der einleuchtenden Überlegung,
so besser Einfluss auf das «Produkt» nehmen zu können.

Natürlich gab es Journalisten-Protest gegen die Veränderungen. Aber er wich bald einmal der Resignation. Gar manche – beileibe nicht nur die schlechtesten – Journalisten wechselten die Seite. Und heuerten als Kommunikationsfachleute in Verwaltung oder Privatindustrie an. Spielte keine Rolle: Journalismus war keine «Mission» mehr, sondern ein ganz gewöhnlicher Job.

In den letzten Jahren macht sich nun ein wiederum neuer Journalisten-Typus bemerkbar: Egozentristen! Sie sind hervorragend ausgebildet, beherrschen das Journalisten-Handwerk. Das ist das eine. Das andere: Sie verstehen, sich selbst zu inszenieren. Sie stellen ihr Licht nicht nur nicht unter den Scheffel, nein, sie fahren mit geradezu unbändiger Lust die ganz grossen Scheinwerfer auf – um sie auf sich selber zu richten. Die Geschichte, die sie gerade schreiben, ist grandios, nicht weil sie zu Erkenntnisgewinn führt. Sondern weil sie Aufsehen erregen wird. Über die Folgen, die entstehen könnten, machen sie sich keine Gedanken.

Ähnlich funktioniert die neue Chefredaktoren-Generation. Die Redaktionsleiter suchen den schnellen Erfolg mit süffigen Geschichten, die sie dank gezielten Indiskretionen gleichsam am Laufmeter servieren können. Sind die Fakten etwas gar dünn, hilft hier eine kleine Spekulation, dort eine kleine Zuspitzung. Gerne garnieren die neuen Chefredaktoren ihre eigentliche Tätigkeit mit allerlei auf Effekt zielenden Nebenbeschäftigungen, vorzugsweise beim Fernsehen. Die Absicht: Der eigene Name soll zum Brand werden, der hell in der Branche leuchtet.

Ist der Journalismus heute schlechter als vor drei Jahrzehnten? Die Frage ist kaum zu beantworten. Wurde früher besser Fussball gespielt als heute? Mir fällt einfach auf, dass die Bindung des Lesers an seine Zeitung sehr locker und oberflächlich geworden ist. Noch vor 25 Jahren wurde jeder Abgang eines Journalisten von der Leserschaft registriert und kommentiert. Jede noch so kleine Änderung bei der Zeitungsgestaltung oder beim Aufbau eines Blattes hatte eine eigentliche Leserbrief-Flut zur Folge. Heute scheint sich der Leser damit abzufinden, dass seine Zeitung alle paar Jahre total neu gestaltet wird. Und weil sich das Personalkarussell immer schneller dreht, gibt es kaum noch Namen, die sich die Leserschaft merken kann. Auch nicht die der Egozentristen.

Das «Produkt» Zeitung hat an emotionalem Wert verloren. Abgenommen hat folgerichtig auch die Bereitschaft, für die «Ware» Information einen angemessenen Preis zu bezahlen. Soll aus dem «Produkt» wieder ein «Gut» werden, sollte künftig nicht in erster Linie in Egozentristen investiert werden. Sondern in den redaktionellen Mittelbau. Schluss mit dem elitären Zweiklassensystem! Gerade in der Tagespresse muss der einzelne Journalist wieder an Bedeutung gewinnen. Er muss die Zeit und den Raum erhalten, die er braucht, um den eigenen Stil zu entwickeln, um sich Dossierkenntnisse anzueignen.

Zurück zur Frage, ob ich traurig sei. Müde bin ich ganz gewiss und bestimmt auch ernüchtert, aber nicht traurig. Oder höchstens ein kleines bisschen.

Übrigens: Nach dem Konzert in der Kirche von Rüegsau geschieht, was zu erwarten war: Der Regen lässt spürbar nach. Und: Ernst Wohlwend hat heute seinen letzten Arbeitstag als Stadtpräsident von Winterthur.

So fügt sich das eine zum andern und ergibt zum Ende ein einigermassen rundes Ganzes. Was will man mehr?

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