Wer vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht – der steht in einem schlecht bewirtschafteten Wald. Wir befinden uns in einem vorbildlichen Wald, mit Forstingenieur Jean Combe. Wir sehen nicht bloss Bäume, wir sehen Eschen, Linden, Aspen, Eichen, Holunder, Fichten, Weisstannen. Und Buchen, die der Gegend hier vermutlich den Namen gaben.

Wir stehen bei der Waldlichtung Öfeli im Bucheggberg im Kanton Solothurn. Den Waldrand findet Combe etwas vom Schönsten. «Er ist ein Ort der Begegnung und ein Ort des Übergangs», sagt er. Hier trifft das Licht auf Dunkelheit, die Trockenheit auf Feuchtigkeit, das Offene auf das Verborgene.

Die Waldränder sind meist vielfältiger als der Wald selbst. Forstingenieur Combe erkennt sofort: «Hier hat sich jemand Mühe gegeben, den Waldrand besonders abwechslungsreich zu gestalten.» Sogar ein junger Kirschbaum steht da. Und entlang der Fichten rankt sich Efeu. Dieses Immergrün lässt nicht jeder Förster stehen. Dabei dient es vielen Vögeln und Insekten als Lebensraum.

Die Forstbetriebsgemeinschaft Bucheggberg erhielt 2002 den Binding-Waldpreis «für vorbildliche Waldpflege». Vergangenen Donnerstag verlieh die Sophie-und-Karl-Binding-Stiftung den Preis zum 25. Mal. Aus diesem Anlass hat Jean Combe, der in der Jury sitzt, ein Buch über alle 25 Preisträger und deren Waldbewirtschaftungsmodelle geschrieben. So unterschiedlich die 25 Preisträger sind, teilen sie doch eine Gemeinsamkeit: Sie haben sich den wachsenden Erwartungen der Gesellschaft angepasst, pflegen und nutzen den Wald nachhaltig.

Diente der Wald früher vor allem als «Holzfabrik», hat er heute viele Aufgaben zu erfüllen: Er reinigt unser Grundwasser über das Filtersystem Waldboden, er schützt Verkehrswege und Siedlungen vor Steinschlag, vor Hangrutschen und Lawinen und steht uns als Erholungsraum und Fitnesspark zur Verfügung. Zudem soll er möglichst viel CO2 schlucken und dafür sorgen, dass Flora und Fauna – Stichwort Biodiversität – gedeihen.

Die Forstbetriebsgemeinschaft Bucheggberg wurde ausgezeichnet, weil sie als Vorzeigebeispiel gilt für den Zusammenschluss vieler öffentlicher Waldeigentümer. Aus zahlreichen Gemeindeforstbetrieben ist ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen geworden. Der Wald im Bucheggberg wird intensiv genutzt. Kein Wunder: «Das ist ein Turbo-Wald», sagt Combe. «Man hört ihn praktisch wachsen.» Der Boden ist, weil auf einer Moränenablagerung des Rhonegletschers gelegen, nährstoffreich. Jedes Jahr wachsen hier 13 m² Holz heran.

Obwohl Nadelholz rentabel ist, pflanzt die Betriebsgemeinschaft Bucheggberg nicht nur Fichten. Reine Aufforstungswälder gefallen Combe gar nicht. Der schönste Wald sei der lichtdurchflutete Mischwald, in dem die Bäume genügend Raum hätten, sich zu entwickeln und hoch hinaus zu wachsen. In dunklen Wäldern stehen die Bäume oft zu nahe beieinander.

Jean Combe entdeckt junge Lärchenbäumchen, geschützt von Drahtgitter gegen Wildverbiss. Die Lärche gehört zu Combes Lieblingsbäumen. «Darunter lässt sich so gut Siesta machen», sagt er. Siesta machte ganz in der Nähe auch ein Reh. Combe, der Spurenleser, entdeckt den Abdruck, welchen der Laie nicht einmal sieht, unter einer jungen Weisstanne.

Uns scheint es selbstverständlich, dass wir auf einem gepflegten Weg durch den Wald spazieren und joggen können. Doch hinter der Pflege, der Vielfalt, ja sogar dem Lichtspiel im Wald steckt die Planung und Arbeit der Waldeigentümer und Förster. «Die meisten dieser Dienstleistungen erbringen sie unentgeltlich», betont Jean Combe. Darüber werde man in Zukunft reden müssen.

Er weiss, wovon er spricht. Er war in Vallorbe, wo er wohnt, selbst Kreisförster und hat rote Zahlen geschrieben. Er habe aber die Gemeinde überzeugen können, dass man aus einem Wald nicht nur Profit schlagen könne, sagt der 66-Jährige. Die Bedeutung des Waldes müsse man über lange Zeiträume sehen, schliesslich habe ein Wald auch Jahrtausende gebraucht, um zu entstehen. Doch der Mensch, sagt Combe, schätze oft nicht, was schon vor ihm da war. Und dann fragt er, ob wir diesen Witz schon kennen: «Im Universum sausen die Planeten aneinander vorbei. Ein Planet kreuzt die Erde grüsst sie und fragt: Wie gehts? Die Erde hüstelt und sagt seufzend: Ach, ich habe gerade Homo sapiens.»

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