VON MICHAEL SPILLMANN

Gebannt schauten die Richter, die Staatsanwältin, der Verteidiger, die Journalisten und selbst der Angeklagte auf die Leinwand im Gerichtssaal. Dort erschien der junge Mann, der vorne auf der Anklagebank sass, erneut am Tatort – virtuell und dreidimensional. Der 24-Jährige musste sich vor Gericht verantworten, weil er seinen eigenen Vater mit einer Walther PPK erschossen hatte.

Es sei ein Unfall gewesen, beteuerte er. Die Staatsanwältin hatte ihn aber der vorsätzlichen Tötung angeklagt. Der Täter wiederholte, was er bereits der Polizei gesagt hatte. Er habe mit der scharfen Waffe in seinem Zimmer manipuliert und dann habe sich – während eines Streits mit dem Vater – der Schuss gelöst, als er aufs Bett taumelte.

Die als Zeugen aufgebotenen Experten des Instituts für Rechtsmedizin zeigten in ihrer 3-D-Rekonstruktion aber: So, wie der Beschuldigte den verhängnisvollen Ablauf schilderte, konnte die Geschichte nicht stimmen. Der Schussverlauf im Körper des digital erfassten Opfers passte nicht zu den Aussagen des Sohnes.

Mit diesen technischen Möglichkeiten steht die Forensik vor einem revolutionären Umbruch. Trotz anfänglicher Skepsis unter Fachkollegen und den Justizbehörden kommen die 3-D-Präsentationen vor Gericht immer häufiger zum Einsatz.

Weltweiter Vorreiter in der Entwicklung: das Institut für Rechtsmedizin (IRM) der Universität Bern. «In fünf Jahren wird das der Standard sein», sagt IRM-Direktor Michael Thali zu seinem Projekt «Virtopsy» – abgeleitet von virtueller Autopsie. Thali steht dem Zentrum für Forensische Bildgebung vor, die Idee «Virtopsy» stellte er 2000 erstmals an einem Kongress vor.

Und das habe, so erinnert er sich, «eingeschlagen wie ein Bombe». Beim Projekt ging es erst um rechtsmedizinische Verfahren zur Rekonstruktion und Dokumentation von Verletzungen an Toten mittels vermessungstechnischer und radiologischer Verfahren, die später dann auch auf Lebende ausgeweitet werden konnten.

Doch das war noch nicht alles: Sie können mit Spezial-Scannern Täter, Opfer und sogar die Tatwaffen zurück an den virtuellen Schauplatz des Verbrechens oder eines Unfalls bringen. Zusammen mit den Erkenntnissen der polizeilichen Arbeitsgruppe kann der Tatablauf schrittweise rekonstruiert werden. Vor Gericht können so Aussagen des Angeklagten bestätigt oder aber widerlegt werden. «Das gibt es exklusiv am Institut für Rechtsmedizin in Bern», erklärt Direktor Michael Thali.

Ein Teil der Rekonstruktionen sind die lange in der Forensik angewandte, vom klassischen Röntgen herführende Computertomographie (CT) und die Magnetresonanztomographie. Im CT-Verfahren werden zweidimensionale Schichtbilder des Körperinnern zu 3-D-Bildfolgen zusammengeführt. Bei der Magnetresonanztomographie kommen elektromagnetische Wellen zum Einsatz, um die Körperschichten darzustellen. Die Techniken können insbesondere Verletzungen – etwa eine Schussverletzung – im Körperinnnern detailgenau aufzeigen.

Herzstück sind die neuen hochauflösenden Scanner für die Oberflächendigitalisierung. Mit ihnen ist es nicht nur möglich, Verletzungen an der Körperoberfläche zu digitalisieren und zu archivieren, sondern auch Kontaktstellen zwischen Tatwaffen und Opfern am Computer aufzuzeigen.

Ein Beispiel: Bei einer Schlägerei erleidet eine Person Verletzungen im Gesicht, ein Täter traktierte das am Boden liegende Opfer mit Fusstritten. Nun vermessen die Wissenschafter nicht nur das Gesicht des Verletzten dreidimensional, sondern auch die Schuhe verschiedener Tatverdächtigen und vergleichen diese digital. Für den Oberflächenscanner ist alles messbar – Pneuspur, Schiffsschraube, Schlagstock, Nietengurt oder Würgemale am Hals.

Erste erfolgreiche Erfahrungen mit «Virtopsy» hatten die Rechtsmediziner allerdings im Strassenverkehr gemacht. So etwa im Fall eines tödlichen Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht im aargauischen Meisterschwanden. Ein Autofahrer hatte Ende Mai 2003 einen Fussgänger angefahren und fuhr danach weiter. Der getötete Fussgänger war in der Nacht entlang der Strasse auf dem Heimweg von einer Party gewesen. Der Unfallfahrer stellte sich Tage später der Polizei. Die Rechtsmediziner scannten darauf die oberflächlichen Verletzungen des Toten und verglichen diese mit den dreidimensional aufgenommenen Beschädigungen im Frontbereich am Unfallfahrzeug.

Die Einsatzgebiete weiten sich ständig aus. «Wir haben zunehmend grössere Ereignisse virtuell erfasst, wie etwa Schiessereien», so Thali. Eine von diesen war auch der Schusswechsel des so genannten Amokschützen von Buchs AG mit der Polizei im November 2008.

Eine komplette Tatrekonstruktion kostet im Durchschnitt rund 5000 Franken. Dies möge, so Direktor Michael Thali, auf den ersten Blick als viel erscheinen, es sei hingegen oft das tragfähige Fundament für ein Verfahren, das viele Folgediskussionen und weitere Experten-Honorare ersparen würde. Die Berner Rechtsmediziner haben dank ihrem Know-how alle Hände voll zu tun. Sie sind nicht nur für komplexe Tatrekonstruktionen in der Schweiz gesucht, sondern erhalten auch aus dem Ausland Anfragen – aus Australien, Schweden oder Litauen.

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