Seit ein paar Tagen ist eine Beta-Version der neuen Website der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) im Internet abrufbar. Für Online-Medien ist es nicht ungewöhnlich, provisorische Versionen aufzuschalten – für die gerne perfekte NZZ kommt das Vorgehen aber einem Tabubruch gleich.

«Nach Monaten des Konzipierens, Gestaltens und Programmierens», so heisst es in der Pressemitteilung, sei die neue Website «live gegangen». Bis sie die alte Version von NZZ Online ablöst, dürften nochmals einige Wochen vergehen. Die Einführung einer «Paywall», also eines Systems für kostenpflichtige Inhalte, wird nun erst für Herbst erwartet. Ursprünglich war vom ersten Quartal 2012 die Rede.

Peter Hogenkamp, Leiter der Digitalen Medien der NZZ, sagte gegenüber dem Branchendienst «Persönlich»: «Wir waren etwas zu optimistisch, das nehme ich auf meine Kappe, und es ärgert mich auch.» Als Ursache für die Verspätung bei der neuen Website führt er die «Technologie» ins Feld, die nochmals grundlegend habe geändert werden müssen. Das vorgesehene System sei «nicht schnell und nicht stabil genug» gewesen. Per E-Mail hält Hogenkamp gegenüber dem «Sonntag» fest, bei der NZZ seien sich «alle Ebenen einig, dass dieser Zeitplan so richtig und sinnvoll ist». Was nicht sinnvoll gewesen sei, «war unser ‹Erwartungsmanagement›».

Wie unsicher und nervös die Verlagshäuser über die einzuschlagende Strategie sind, zu einem Paywall-System zu kommen, zeigt das Beispiel Newsnet, des Online-Verbundes der Tamedia-Zeitungen. Chefredaktor Peter Wälty hatte an einem Zeitungskongress in Wien gemäss einer Twitter-Meldung gesagt, «tagesanzeiger.ch» erwäge eine Paywall ab diesem Herbst. Doch er relativiert seine Aussagen: Eine Paywall werde in den nächsten Monaten diskutiert, «beschlossen ist noch nichts». Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer sagt: «Es ist offen, wie wir uns entscheiden.»

Die Zurückhaltung bei den Verantwortlichen des «Tages-Anzeigers» beruht zum einen auf den Verzögerungen der NZZ, zum andern auf den ernüchternden Erfahrungen, die das Haus mit dem separat zu bezahlenden iPad-Abonnement macht. Konkrete Zahlen werden zwar nicht preisgegeben. Sprecher Zimmer bestätigt nur: «Mit diesem Angebot liegen wir klar hinter den angestrebten Zielen zurück.» Er spricht auch von «einem sehr kleinen Markt mit unterschiedlichen Bedürfnissen», weshalb eine Anpassung des Angebotes geprüft werde.

Der «Tages-Anzeiger» hat eine separate Redaktion gebildet, um bereits am Abend eine Zeitung in elektronischer Form aufzubereiten. Die fertige Ausgabe, die der Abonnent der gedruckten Ausgabe am Morgen im Briefkasten hat, ist bereits um Mitternacht verfügbar. Der zusätzliche redaktionelle Aufwand scheint sich offenkundig nicht zu rechnen.

Im Hinblick auf das Paywall-Angebot hat die NZZ die Online- und Printredaktion unter dem Label «Konvergenz» zusammengelegt. Dieser Grundsatzentscheid steht bei Tamedia noch aus, muss jedoch im Hinblick auf den Bezug des neuen Pressehauses im ersten Halbjahr 2013 ebenfalls bald gefällt werden.

Angesichts der massiv rückläufigen Werbeerträge seit Jahresbeginn und der stetigen Sparanstrengungen bei Tamedia würde es überraschen, wenn Print- und Onlineredaktion nicht zusammengeführt würden. Zimmer sagt nur: «Eine engere Zusammenarbeit wird geprüft, aber beschlossen ist noch ist nichts.»

Für welches Bezahlkonzept sich die NZZ entscheidet, soll im Herbst publik werden. Es wird den Modellen von «New York Times» und der «Financial Times» nachempfunden sein. Tatsache sei, hält Peter Hogenkamp fest, dass die Einführung in Etappen erfolgt. Zuerst wolle man im Lesermarkt die bestehenden Abonnenten angehen. Er spricht aber von einer «Schranke», «die ohnehin porös sein wird».

Auch das Haus Ringier sucht noch nach der richtigen Strategie und experimentiert – insbesondere in der «Blick»-Gruppe – zwischen browserbasierten Kanälen und den Applikationen. So ist der «Blick»-News-App kostenpflichtig, die Sport-Apps dagegen sind gratis. Sprecher Edi Estermann: «Wir arbeiten hier laufend an weiteren Angeboten mit Paid- und Free-Versionen.» Die Einführung einer Paywall bei «Blick.ch» sei «derzeit aber kein Thema».

In den USA erzielen die digitalen Ausgaben führender Tageszeitungen bereits grosse Reichweiten. Gemäss dem «News-Bulletin», das die Auflagen der US-Presse publiziert, setzte das «Wall Street Journal» Ende März 1,56 Millionen gedruckte und 550 000 digitale Ausgaben ab, bei der «New York Times» hat die digitale Ausgabe die gedruckte bereits überholt (810 000 zu 780 000), bei der «Los Angeles Times» dagegen stehen 490 000 gedruckten Zeitungen nur 100 000 digitale Käufer gegenüber. «Der Entwicklungsstand punkto Digitalisierung ist also unter den amerikanischen Tageszeitungen noch höchst unterschiedlich», bilanzierte der NZZ-Medienredaktor letzte Woche.

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