Ursünde des Internets

Medien brauchen eine «kreative Revolution»: Velos für Google-Mitarbeiter am Hauptsitz in Mountain View. Foto: Patrick Zuest

Medien brauchen eine «kreative Revolution»: Velos für Google-Mitarbeiter am Hauptsitz in Mountain View. Foto: Patrick Zuest

Verlagsmanager pilgern ins Silicon Valley. Wird die Rettung des Journalismus aus Kalifornien kommen?

Das Silicon Valley ist das Tal des Optimismus: Im kalifornischen Innovations-Hotspot glaubt man, für jedes Problem eine Lösung entwickeln zu können. Gilt das auch für das Problem, dass Journalismus im digitalen Zeitalter immer schwieriger zu finanzieren ist?

John Hennessy, Präsident der Elite-Universität Stanford und Verwaltungsrat von Google, räumte vergangene Woche, als ihn die «Schweiz am Sonntag» zum Interview traf, einen grossen Fehler ein: «Die Welt wäre heute ein anderer Ort, wenn es uns gelungen wäre, in der Frühphase des Internets ein gutes Zahlungssystem für Inhalte zu schaffen», sagte Hennessy, der einst die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page unterrichtet hatte. «Damals», so Hennessy, «wäre es einfacher gewesen, die Gratiskultur gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wir hätten einen Weg finden müssen, wie man schnell und effektiv für Inhalte wie einen Zeitungsartikel bezahlt.» Hennessy weiter: «Ich mache mir Sorgen um den Relevanz-Gehalt im Netz. Was ist das Netz ohne echte Inhalte wirklich wert?»

Nun aber ist die Gratiskultur da. Nur wenigen globalen Medienmarken wie der «New York Times» oder dem «Wall Street Journal» gelingt es, für ihre Texte im Netz Geld zu verlangen und ein digitales Abo-Modell durchzusetzen, das die Umsatzverluste aus dem traditionellen Printgeschäft zumindest teilweise kompensiert.

Mit schweren Problemen kämpft jene Zeitung, die am nächsten beim Silicon Valley liegt, von dessen Innovationsgeist aber offenbar nicht profitiert: der «San Francisco Chronicle». Es gilt bereits als Erfolg, dass er überhaupt noch lebt. 2009 stand der «Chronicle» vor dem Untergang – beinahe wäre San Francisco zur ersten US-Grossstadt ohne Tageszeitung geworden. Die Sanierung gelang damals in letzter Minute, doch die Zukunft des 1865 gegründeten Blattes bleibt unsicher.

«Deutschsprachige Länder sind am wenigsten kreativ»
Christoph Keese, ehemaliger «Welt am Sonntag»-Chefredaktor und heute Manager bei Axel Springer in Berlin, hielt sich sechs Monate lang im Silicon Valley auf und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen. «Verlage gelten hier als etwas überholt und von vorgestern», heisst es darin. Man sehe sie als «Dinosaurier, die das Internet nicht richtig verstanden haben und nicht begreifen wollen, dass kein Geld mehr mit Journalismus zu verdienen sein soll». Produktion – auch die Produktion von journalistischen Inhalten – halte das Silicon Valley generell für schlecht, die Aggregation von bereits bestehenden Inhalten, die man dann dem Publikum als Sammlungen präsentieren könne, hingegen für gut.

Keese schrieb das Buch vor drei Jahren, heute stellt er fest, dass im Silicon Valley inzwischen interessante journalistische Angebote entstanden sind. Als Beispiel nennt er das Online-Magazin «Ozy», an dem sich Axel Springer beteiligt hat. Es hat ein klares Zielpublikum: Die «change generation», junge offene Menschen, die gern neue Dinge ausprobieren. Doch Keese sagt auch: «Eine richtige Verlagshochburg wird das Silicon Valley nie werden. Dafür legt die kulturelle Tradition zu viel Gewicht auf Technologie.» Journalistische Innovationen sieht Keese eher anderswo in Kalifornien: «Den eindrucksvollsten Aufschwung erlebt Los Angeles. Dort ist innerhalb weniger Jahre der spannendste Ort für digitale Inhalte – vor allem für Bewegtbild – entstanden.» Keese bilanziert: «Die digitale Revolution ist nicht nur eine technische Revolution, sondern vor allem eine kreative Revolution.» Er kritisiert den heimischen Medienmarkt: «Die deutschsprachigen Länder sind heute die am wenigsten kreativen bei digitalem Journalismus und digitaler Unterhaltung. Wir haben viel verpasst.» Man denke noch immer zu stark in traditionellen Erzählformen und Vertriebswegen.

Schweizer Verlage auf der Suche
Auch Schweizer Medienunternehmer suchen Inspiration in Kalifornien. Pietro Supino, Verleger der Tamedia («Tages-Anzeiger», «20 Minuten»), kehrte kürzlich von einem dreimonatigen Aufenthalt im Silicon Valley zurück. Er stellt fest: «Innovation und oftmals damit verbunden Disruption haben im Silicon Valley einen höheren Stellenwert als bei uns, der auch die Herangehensweise prägt.» Insbesondere das sogenannte «design thinking» als Vorgehen zur Förderung von Innovation sei ein vielversprechender Ansatz für klassische Medien, weil die Nutzerbedürfnisse im Zentrum stünden. Supino erkennt aber auch in neuen Technologien eine Chance für den Journalismus, etwa in «data analytics», die hinter dem Datenjournalismus steht, der neue Möglichkeiten der Recherche und optische Darstellungen ermöglicht. Ebenso in der sogenannten «augmented intelligence» (erweiterte Intelligenz).

Immer wieder nach Kalifornien reist der Konzernchef von Ringier, Marc Walder. Was nimmt er an Inputs mit? «Tausend kleine Sachen», sagt er. «Alle werden notiert. Und dann zusammen mit meinem Team abgearbeitet.» Es habe keinen Sinn, auf lustige Rutschbahnen, riesige Food-Corner und farbige Fahrräder zu schauen, die man auf dem Campus der Tech-Firmen antrifft. «Es macht mehr Sinn, wenn man den Menschen von Airbnb, Facebook, Google, Youtube, Uber oder Whatsapp gut zuhört. Die verstehen die digitale Welt schlichtweg am besten.»

Lernen und verstehen: Das wollen die Verlagschefs, die ins Silicon Valley reisen. Dass gleich die Erlösung der Medienbranche von dort kommt, daran glaubt aber keiner. Noch 2010 sah Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner im iPad ein Wunderding: «Das iPad bringt das, auf das wir alle gewartet haben», sagte er und verneigte sich vor dem Apple-Gründer: «Jeder Verleger der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen, um zu beten und Steve Jobs dafür zu danken, dass er die Verlagsbranche rettet.» Bis jetzt hat das Beten nicht geholfen.

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