Der «frechste Blogger von Basel». So adelte ihn der «Spiegel», als er über das Medienexperiment «Tageswoche» und ihren Online-Spezialisten Dani Winter berichtete. Das deutsche Nachrichtenmagazin hatte bei Wertung der NZZ abgeschrieben. Diese verband mit Winter die Erwartung auf einen innovativen Online-Auftritt des Medienpflänzchens.

Doch daraus wurde nichts. Das angekündigte Hybrid-Medium wurde eine Wochenzeitung mit einem schmalbrüstigen, weitgehend konventionellen Online-Auftritt. Die Macht der faktischen Printjournalisten hatte sich in der Redaktion durchgesetzt. Für Online ist übrig geblieben, was an Arbeitskraft durch die aufwendig produzierte Zeitung nicht aufgefressen wurde.

Doch nun, in einem zweiten Anlauf, soll alles anders werden. «Online first» heisst die wenig originelle, dafür im Anspruch umso radikaler gemeinte Losung: Die «Tageswoche» als Zeitung ist out, ein Online-Medium soll sie werden. Wöchentlich gedruckt werden könnte noch, was sich als gekürzter Online-Bericht anbietet, als Zusammenfassung verschiedener Online-Berichte zum gleichen Thema oder ein Online-Bericht, der durch Leserreaktionen ergänzt ist. Und verantworten soll die Operation am offenen Herzen Dani Winter.

Der Prozess ist erst angeschoben und dauert dennoch schon seit Monaten. Die Redaktion, geschmeichelt durch eine hohe verkaufte Auflage, musste sich nach gut einem Jahr eingestehen zu stagnieren. Unzufriedenheit und redaktionelle Arbeitsgruppen waren die Folge. Den Verwaltungs- und Stiftungsräten dräute ebenso, dass sie ihrer verlegerischen Verantwortung nicht gerecht werden, indem sie sich weiter in vornehmer Zurückhaltung üben.

Eine salomonische Personalverschiebung sollte den Neustart vorbereiten: Der eine Co-Chefredaktor, Urs Buess, wurde mit einer neuen übergeordneten publizistischen Leitungsfunktion versehen. Der andere Co-Chefredaktor, Remo Leupin, musste sich mit dem Titel Leiter Print begnügen. Und dazwischen gab es Platz für Dani Winter.

Als neuer starker Mann will Winter (47) nicht verstanden werden. Er habe «keinen Bock auf Häuptling», vertraue auf die «Kraft des Kollektivs» – so wurde er schliesslich sozialisiert. Als er Anfang der 90er-Jahre nach Basel kam, wusste er nicht, ob er über John Schmid in der Werbung oder über Toja Maissen im Journalismus landen würde. Maissen, die grosse Dame der linken AZ, nahm ihn jedoch unter ihre Fittiche. Als sie kurz darauf an Krebs starb, erbte er ihre Arbeit – um kurz darauf das Sterben der AZ mitzuleiden.

Winter blieb auf der linken Umlaufbahn. Schrieb an der «Stadtzeitung» mit, einer Vorläuferin der «Tageswoche», die allerdings nur gerade zwei Jahre lang existierte. Gründete mit Kollegen das Pressebüro Infam, das Zeitschriften von «Facts», «Beobachter» bis «Weltwoche» bediente – und ihm als Blogger unter dem Pseudonym Fuzzy eine Heimat gab, gegen alles und jeden auszuteilen. Zum Grossabnehmer des Pressebüros wurden die damals neuen Internetplattformen, die händeringend nach journalistisch aufbereiteten Inhalten suchten. «Infam» wuchs zur kleinen Firma und stürzte ins Elend, als 2001 die Dotcom-Blase platzte. Zurück blieb Dani Winter mit einem Berg Schulden – und dem Wissen, dass dem Internet dennoch die Zukunft gehört. Sein Herz steht seither zwar weiterhin links, doch schlagen tut es digital.

Winter tritt nicht als Internet-Guru auf, der die neue Medienwelt schon erfunden hat. Diese Rolle besetzt in der «Tageswoche» David Bauer, der auch den schönen Titel «Digitalstratege» führt. Winter ist eher der Pröbler, der sich ob der neuen Möglichkeiten begeistern kann und sich ärgert, wenn diese verpasst werden. Bei der «Tageswoche» hat er sich bisher vor allem geärgert. Durch die Priorisierung auf Print habe sich eine Pipeline von Massnahmen im Online-Bereich aufgestaut. Jetzt kann – und muss – er beweisen, dass er es besser kann.

Seine Massnahmen sind bisher überschaubar und organisatorischer Natur. Einen Newsroom hat er geschaffen, eine «themenorientierte Planung» eingeführt. Eine neue Publizistik wird erst angedacht. Eine erste Diskussion im Publizistik-Gremium ist für morgen Montag angesetzt. Beschlossen ist nichts. Doch Winter macht kein Geheimnis daraus: Die «Tageswoche»-Printausgabe wird verschlankt. «Gut möglich, dass dabei ein Redesign des Prints herauskommt.»

Wie sich die «Tageswoche» finanziell rechnet, macht er sich nicht zum Problem. Unabhängiger Journalismus könne eben immer weniger als profitables Geschäft betrieben werden, meint er. Drittfinanzierungen über Stiftungen würden in Zukunft deshalb immer wichtige – und die «Tageswoche» ist dafür die Speerspitze. Dies bringe aber die Verantwortung mit sich, wirklich Journalismus für die Bevölkerung zu machen. «Partizipation», sagt Winter. Damit erst werde die Grundlage geschaffen für eine mäzenatische Anschubfinanzierung.

Die Konsequenz: Eine Paywall wird Winter nicht aufziehen. Demokratierelevante Information müsse zugänglich sein und da könne doch keine Bezahlhürde aufgebaut werden, sagt er. Damit steht er quer in einer Medienlandschaft, in der sich alle Unternehmen überlegen, wie sie aus den Gratisnutzern ihrer Online-Angebote Zahlende machen können. Winter stellt auch das aktuelle Abomodell der «Tageswoche» zur Diskussion. Für ihn wäre etwa eine kostenlose Zeitung vorstellbar, die dafür eine deutlich höhere Auflage hätte.
Solche Ideen sind es, die ihm einst den Ruf brachten, frech zu sein.

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