Am 1. November 1983 um 0.01 Uhr wurden wir erlöst. Jahrelang war Pop und Rock öffentlich-rechtlich gebannt und verbannt. Wir waren die Verbannten, die Geächteten. Traumatisiert von Radio Beromünster und seinem tümelnden Unterhaltungsbrunz, waren wir die musikalisch Heimatlosen. Das änderte sich in dieser nicht nur medienpolitisch geschichtsträchtigen Novembernacht 1983. Mit DRS 3 hatten wir eine musikalische Heimat gefunden.

«DRS 3 soll kein Radio Bumbum werden», versprach der damalige Radiodirektor Andreas Blum. Er hielt Wort, DRS 3 wurde zum Radiosender mit einem grosszügig definierten Pop- und Rockbegriff. Wie selbstverständlich ertönten nebeneinander schräge und liebliche Klänge aus aller Welt. Mundartpop von Polo Hofer neben wüstem Punk. Hitparadenmusik neben Abseitigem, selbst der Jazz war mit dem «Jazz Special» vertreten. Das Programm war einzigartig mutig und vielfältig. Wunderbar. Dem Sound waren keine Grenzen gesetzt. DRS 3 war mein Radio.

Vor allem die Schweizer Pop- und Rockszene profitierte. Vor vierzig Jahren gab es eine solche noch gar nicht richtig, und die Schweizer Unterhaltungsszene war bis in die 70er-Jahre stark volkstümlich geprägt. Auch dank DRS 3 konnte die Schweizer Popmusik aus dem Untergrund heraustreten und fand eine Plattform, um sich zu präsentieren. Das Radio machte Hits und legte mit der damaligen programmatischen Vielfalt auch das Fundament für die heutige stilistische Vielfalt des Schweizer Pop.

Der Bruch erfolgte 1999. Aufgeschreckt von sinkenden Hörerzahlen wurde das Musikprofil im Tagesprogramm auf sogenannte Durchhörbarkeit getrimmt und auf massentaugliche Musik ausgerichtet. Der öffentlich-rechtliche Sender übernahm das Erfolgsrezept der Privatradios. Der Aufschrei blieb nicht aus. Langjährige verdiente DRS-3-Leute protestierten oder warfen den Bettel hin. Züri West wandte sich sogar im Album «Radio zum Glück» gegen die Neupositionierung des Senders. Erfolglos. Eine beispiellose staatlich legitimierte Säuberungswelle begann.

Erstes Opfer war die Popmusik, die sich etwas abseits des Mainstreams bewegte: avancierter Pop und Rock, Electro und Hip-Hop. Sie wurde in das neue Jugendradio «SRF Virus» abgeschoben. Ein Sender notabene, der nur über Kabel, DAB+, zu empfangen ist und deswegen nur magere Quoten vorweisen kann.

Der Jazz hatte den ersten Angriff überstanden, in den frühen Nullerjahren gings aber auch der improvisierten Musik auf DRS 3 an den Kragen. Die Abendsendung «Jazz Special» wurde ersatzlos gestrichen.

Die nächste Welle folgte 2004, als DRS 1 entsprechend einer neuen Programmstrategie zum Pop-Sender für Hörer über 45 Jahre umfunktioniert wurde. Für DRS 3 bedeutete dies, dass Songs von Eric Clapton, Elton John, Polo Hofer & Co. ins erste Programm transferiert wurden. Ergebnis: DRS 3 wurde noch stromlinienförmiger, orientierte sich wie die Privaten an den aktuellen Chart-Hits.

Parallel, in einem schleichenden Verdrängungskampf, wurde die Rockmusik systematisch ausgegrenzt. So sind härtere, verzerrte Klänge aus der Stromgitarre heute im Tagesprogramm fast verschwunden. Der Auftrag wird von der grosszügig dotierten Musikredaktion kompromisslos umgesetzt.

Oft und gern verweisen die Macher von SRF 3 auf die Förderung von Schweizer Musik. Doch Förderung wird bestenfalls halbherzig betrieben. So ist der Anteil an Schweizer Musik bei SRF 3 im letzten Jahr von 20 auf 17 Prozent gesunken. Der Sender hat damit nicht einmal die vergleichsweise tiefen selbst gesetzten Richtlinien von 20 Prozent erfüllt.

Der Schweizer Anteil im «führenden Pop- und Rocksender der Schweiz» (Eigenwerbung) ist damit kleiner als in der Schweizer Album-Hitparade (19,4 Prozent 2014). Entspricht das der Idee von nationaler Popförderung? Unsere Nachbarländer und Skandinavien zeigen schon lange, wies geht: In Italien erreicht die einheimische Musik in den Radios ohne gesetzliche Vorschrift einen Anteil von über 50 Prozent, in Schweden 35. Freiwillig. Frankreich dagegen verpflichtet die Radiostationen zu einer einheimischen Quote von 40 Prozent.

Die abendlichen Musik-Specials von DRS/SRF 3 sind die letzten Bastionen des ehemals stolzen Senders. Allein sie machen noch den Unterschied zu den Privatradios. Doch der Gleichschaltungswahn der Macher kennt auch hier kein Pardon. Zuerst wurde der Country Special zu SRF 1 abgeschoben – und vor gut einem Jahr still und heimlich der «Blues Special» abgeschafft. Ausgerechnet jetzt, wo diese Urform des Pop in der Schweiz einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Ersetzt wurde «Blues Special» durch die oberflächliche Sendung «Pop Routes».

Letzte Folge im Drama um den einstigen Störsender ist die Neupositionierung von SRF 2 Kultur Ende 2012. Der bisherige elitäre Klassiksender will neue Hörer gewinnen und sendet am Vorabend Soul, Blues und bekömmlichen Jazz. Eine neue Legitimation für die Macher von SRF 3, den Sound zu straffen: ohne Soul und Blues.

Die mit Konzessionsgeldern finanzierten Säuberungen haben das Ziel erreicht. SRF 3 ist zum mutlosen Radio geworden. Wie jedes Privatradio. Austauschbar. Es herrscht staatlich verordneter Einheitsbrei in einem gestrafften Raster. Mit Wehmut denke ich zurück. Ein SRF 3 ohne Jazz, Blues, Soul, World, Country, Bluegrass, Folk und Cajun, ohne die härteren Varianten des Rock und die spannenden Experimente in Hip-Hop und der elektronischen Musik – das ist definitiv nicht mehr mein Sender. Aber es geht um viel mehr. Es geht um die Vielfalt und den Reichtum von Musik. Und vor allem: SRF 3 macht sich überflüssig, schafft sich selbst ab.

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