Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass der Immobilien-Tycoon Donald Trump der aussichtsreiche Bewerber der Republikaner für die Präsidentschaftswahl wird? Dieser lärmige Populist, der mit sexistischen Aussagen und rechter Raubeinrhetorik das Establishment verschreckt und überhaupt nicht auf das diplomatische Parkett in Washington passt? Dieser steinreiche Self-Made-Man, dessen Ego so gross wie die New Yorker Wolkenkratzer ist und der sich um Political Correctness einen Deut schert? Die Kommentatoren gaben keinen Pfifferling auf diesen Gernegross aus New York.

Doch Trump legte in Umfragen immer weiter zu und entschied immer mehr Vorwahlen für sich. Es passierte etwas, das allen Regeln der Skandalogie und Politik widerspricht: Trump wurde durch Skandale und obszöne Aussagen immer stärker. Einer wie Trump, das ist die Lehre dieses aberwitzigen Aufstiegs, kann nicht zu weit gehen, im Gegenteil, er verprellt seine Anhänger erst dann, wenn er sich den Vorsichtsregeln der Politik unterwirft.

Über die Rolle der Medien in diesem Wahlkampf ist viel geschrieben worden. Sie hätten, so die weitverbreitete Kritik, mit ihrer Sensationsgier und Lust am Skandal und Aussenseitertum Trumps Aufstieg mit herbeigeschrieben und befeuert. Da ist etwas dran. Bei Facebook, dem faktisch grössten Medienspieler, diskutiert man bereits intern, ob man die Wahl Trumps durch eine Modifikation der Newsfeed-Algorithmen noch verhindern kann.

Gatekeeper-Funktion schwindet
Trump bedient mit seinen plastischen, grob vereinfachenden Aussagen eine Boulevardhaltung in einigen US-Medien. Wenn Trump über die Hochfinanz in D. C. wettert oder über angeblich faule Immigranten herzieht, ist das eher eine Meldung wert, als wenn der spröde Bernie Sanders über den Sozialismus doziert. In der Tat sind die Sendezeiten Trumps deutlich höher als die seiner Konkurrenten. Auch wird sein Name häufiger in der Zeitung erwähnt. Gleichwohl greift dieser Befund zu kurz. Es gibt noch eine grössere Realität, weitere strukturelle Ursachen, die den fulminanten Aufstieg Trumps erklären.

Die Soziologin Zeynep Tufekci stellte in der «New York Times» die These auf, dass der Erfolg Trumps ein Symptom der wachsenden Schwäche der Massenmedien sei, vor allem in der Kontrolle dessen, was im öffentlichen Diskurs sagbar ist. Die Medien hätten jahrzehntelang die Rolle des Gatekeepers innegehabt. Journalisten fungierten als Schleusenwärter und kontrollierten, welche Themen ins Blatt oder in die Sendung kamen. Man bezeichnet dies auch als Overton-Fenster, benannt nach dem Medientheoretiker Joseph P. Overton – die Gesamtheit von «annehmbaren» Ideen in einer bestimmten Gesellschaft. Doch diese Gatekeeper-Funktion sei im Zuge sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter, die beim Nachrichtenkonsum eine immer wichtigere Rolle spielen, erodiert.

Von neuen Medien bedrängt
Tufekci beobachtete bei Trumps Wahlkampfauftritten, dass der Präsidentschaftsbewerber nicht nur falsche Aussagen – etwa die abenteuerliche Behauptung, dass der Kongress den IS finanziere –, sondern auch Wahrheiten ausserhalb des Overton-Fensters ventiliert, die vorher ignoriert wurden. Die Aussage stiess auf grossen Widerhall. Trump nutzt keine internen Umfrageinstrumente, sondern Twitter als Seismograf der politischen Stimmung, um seine Botschaften an seine Anhänger anzupassen und diese weiter zu polarisieren. Es ist eine Rückkopplungsschleife, die vor allem an die «schweigende Mehrheit» in den sozialen Medien angebunden ist.

«Das Trump-Phänomen», schreibt Tufekci, «ist nicht nur ein Konstrukt der Zeitungskolumnisten oder Fernsehkommentatoren, die anfänglich dachten, seine Kandidatur sei ein Scherz, um für Quoten genutzt zu werden. Sein Auftreten zeigt die Stärke seiner auf sozialen Medien vernetzten Anhänger, die glauben, dass die Medien ein Witz sind. Trump und seine Fans haben das Overton-Fenster aufgebrochen, und es gibt kein Zurück.» Der Medienexperte Joshua Benton vom Nieman Lab weist auf eine weitere strukturelle Ursache hin: die Verteilung der US-Medien. Benton identifiziert eine Gewichtsverlagerung von Print- und Onlinemedien an die liberale Ostküste nach New York und die ebenso liberale Westküste nach San Francisco. Dort sind in den letzten Jahren viele (Technik-)Blogs entstanden (Buzzfeed, Huffington Post und Gawker in New York, re/code und TechCrunch in San Francisco), die in ihrer Reichweite klassischen Medien ebenbürtig sind und neue Leserschichten erreichen.

Die Präsenz dieser liberalen Medien schlägt sich jedoch nicht in der politischen Landschaft in einer Liberalisierung der Wahlpräferenzen nieder, sondern erzeugt einen gegenteiligen Effekt: einen antiliberalen Impetus. Benton sieht den Erfolg Trumps in einer Gegenreaktion auf diesen «kulturellen Kosmopolitismus» begründet. Die Wähler in Cincinnati oder Knoxville fühlen sich von den fortschrittsfreundlichen Medien an der West- und Ostküste nicht mehr repräsentiert und sind daher umso empfänglicher für die radikalen Botschaften Trumps. Der Immobilien-Tycoon geriert sich als Sprachrohr für die medial Abgehängten. So kommt es, dass die Medien zwar liberaler, die politischen Präferenzen im Land aber immer konservativer werden. Und diese Diskrepanz vermag Donald Trump zu instrumentalisieren.

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