VON MARTIN AMREIN, DARESSALAM

Rot leuchtet die kleine Lehmhütte mit dem Wellblechdach im Licht der Mittagssonne. Es ist das Rot des staubigen Bodens, auf dem Mosi Hagokwa sitzt. Eben hat die 27-Jährige vor ihrer Behausung die Wäsche aufgehängt, nun schaut sie besorgt Richtung Himmel. Ein mächtiges Donnern kündigt die Regenzeit an. Bald wird es etliche Pfützen geben in Mbwawa, dem tansanischen Dorf, das 2000 Einwohner zählt und fünfzig Kilometer westlich der Grossstadt Daressalam liegt. Mit den Pfützen werden auch die gefürchteten Mücken zurückkehren, die Malaria übertragen.

Die Fieberkrankheit ist einer der schlimmsten Killer überhaupt. Jährlich sterben fast eine Million Menschen daran, 90 Prozent davon in Afrika. Die gewaltige Mehrheit der Malaria-Toten sind Kinder unter fünf Jahren – sie haben noch nicht die Abwehrkräfte, welche die Älteren besitzen. Der heutige Welt-Malaria-Tag soll ihr Schicksal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken. Besonders schwer betroffen ist Tansania: Die Küstenregion des Landes, zu der Mbwawa gehört, hat eine der höchsten Malaria-Übertragungsraten Afrikas.

Hagokwa hat drei Kinder. «Mehrmals jährlich haben sie Malaria», erzählt die junge Mutter. Bisher haben sie überlebt, womit sie mehr Glück hatten als andere. Den Nachbarn raubte die Krankheit ein Kind. Zukünftig werden Hagokwas Sprösslinge besser geschützt sein: Vor wenigen Tagen konnte sie im Dorf zwei Mückennetze abholen.

Dahinter steckt ein Projekt des nationalen Malariaprogramms. Dieses sieht vor, jene Menschen, die am meisten unter der Malaria leiden, mit Mückennetzen zu versorgen. Seit 2004 koordiniert der tansanische Staat die Verteilung von Netzen: Schwangere bezahlen einen symbolischen Beitrag von etwa 50 Rappen, Kinder unter 5 Jahren erhalten seit letztem Jahr kostenlos ein Netz. Für die laufende Projektphase stammt der Grossteil des Geldes – fast sechs Millionen US-Dollar – vom Global Fund. Hinter dieser Organisation stecken verschiedene Regierungen sowie Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt. Ein Zehntel des Betrages stammt von Schweizer Spendern: Das Hilfswerk World Vision Schweiz unterstützt das Projekt mit 585000 US-Dollar. In anderen afrikanischen Ländern, etwa in Ruanda oder Äthiopien, laufen ähnliche Vorhaben. Afrikaweit hat sich der Gebrauch von Moskitonetzen in den letzten sechs Jahren verdreifacht. In Tansania wurden bisher neun Millionen Netze verteilt.

Eine Studie des Ifakara Health Institute, eines tansanischen Forschungszentrums für Tropenkrankheiten, belegt den Erfolg der Bemühungen. Besassen in Tansania 1999 noch weniger als 30 Prozent der Haushalte Netze, waren es 2007 fast 60 Prozent. In derselben Zeit hat sich die Zahl der Malariaansteckungen halbiert. Das sind gute Neuigkeiten, doch der Kampf gegen die Krankheit ist längst nicht gewonnen. «Noch immer sterben in Tansania 220 Menschen pro Tag an Malaria», sagt Alex Mwita, Manager des Malariaprogramms. 80 Prozent davon sind kleine Kinder.

«Es ist keineswegs selbstverständlich, dass die Menschen die Netze richtig anwenden», sagt Rita Kuharananga von World Vision Tansania. Ihr Büro in Daressalam ist winzig, umso grösser dafür ihr Engagement: «Verteilaktionen alleine reichen nicht aus.» Hier verschafft ihre Organisation Abhilfe: Mitarbeiter der tansanischen World-Vision-Sektion reisen von Dorf zu Dorf, erklären der Bevölkerung, wie die Netze zu befestigen sind und dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Denn immer wieder weigern sich abergläubische Dorfbewohner, unter den lebensrettenden Mückenabweisern zu schlafen, weil die Netze mit ihrer weissen Farbe an Leichengewänder erinnern. Daher färben die tansanischen Netzproduzenten ihre neusten Modelle blau ein. Sie sind zusätzlich mit einer insektenabwehrenden Tinktur behandelt.

Das Verteilen der Moskitonetze ist ein Beitrag zu den Millenniumsentwicklungszielen der UNO, zu denen sich vor zehn Jahren 147 Regierungen bekannten. Ziel ist es, die Krankheit einzudämmen und schliesslich auszurotten; bis 2015 soll die Zahl der Malariafälle um 75 Prozent sinken.

Albanie Marcossy vom Policy Forum – einem Sekretariat in Daressalam, das die Arbeit verschiedenster NGOs koordiniert – hat aber Bedenken: «Die Regierung müsste direkt gegen die Malariamücken vorgehen. Ich befürchte, mit den Netzen verpufft viel Effort ohne grosse Wirkung.» Marcossy spricht von biologischen Insektiziden, die man gegen die Mückenlarven vermehrt einsetzen sollte. Dass die Malaria auf Sansibar, der Insel vor dem tansanischen Festland, praktisch nicht mehr existiere, sei der Ausrottung der Mücken zu verdanken, nicht den Moskitonetzen.

Dass Netze allein nichts bringen, glaubt auch Issessandra Kaniki. Er ist der oberste Arzt jenes Distrikts, in dem Mosi Hagokwa mit ihrer Familie wohnt. «Solange Mücken vorhanden sind, bleibt es gefährlich», sagt er. «Wir müssen überall aktiv sein: Stiche vermeiden, die medizinische Versorgung verbessern, die Mücken bekämpfen.» Nur wenn das gelingt, ist der Kampf gegen die Malaria zu gewinnen. Hagokwas Kinder leiden weniger unter der Krankheit als die Generation ihrer Mutter. Besser noch, wenn die nächstfolgende Generation den gefürchteten Killer nicht mehr erleben müsste.

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Der Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, die World Vision Schweiz organisierte.