Wir müssen Nischen erschliessen» ist ein Credo, das häufig hört, wer in Deutschland mit einem Fernsehschaffenden spricht. Von «Fragmentierung des Marktes» ist die Rede, wer es martialischer mag, spricht von Zersplitterung. Das Ergebnis der Nischensuche: Ein neuer Fernsehsender nach dem anderen flimmert über die Mattscheibe. SAT.1 Gold buhlt um ältere Damen, RTL Nitro um jüngere Herren und sixx möchte junge Frauen von seinem mit Wiederholungen von «Sex and the City» gewürzten Programm begeistern.

Nur gibt es ein Format, das die Zersplitterungstheorie vieler Senderchefs jeden Sonntag aufs Neue ad absurdum führt: den «Tatort». Seit 1970 wird bereits deutschlandweit gemordet, ermittelt und verhaftet, gelegentlich auch in Österreich und der Schweiz. Und dies mit zuletzt phänomenalem Quotenerfolg: 16 «Tatort»-Erstausstrahlungen liefen bis dato im Jahr 2013, 14-mal war der Krimi in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen Quotensieger des Abends. Ein Traum für die ARD, die junges Publikum in hoher Zahl ansonsten fast nur mit Sportveranstaltungen anzusprechen vermag.

Bei Til Schweigers Premiere als Kommissar Nick Tschiller sassen im März 12,57 Millionen Menschen vor dem Fernseher, zwei Wochen später toppte das Münsteraner Duo Jan Josef Liefers/Axel Prahl diesen Wert mit sagenhaften 12,81 Millionen Zuschauern. Zahlen, die zuletzt der mittlerweile 76-jährige Manfred Krug mit Partner Charles Brauer im Jahr 1993 vorweisen konnte. Selbst ein Duo wie die Kölner Ermittler Ballauf und Schenk, die vor drei Wochen ihren 57. Fall lösten, erzielte mit 10,27 Millionen plötzlich die beste Reichweite seit bald 14 Jahren. Im Schnitt verfolgten 2013 rund 9,6 Millionen Deutsche den «Tatort».

Dabei sah es für den Fernseh-Dinosaurier Ende der 90er-Jahre mies aus, manche Episode verfolgten weniger als 5 Millionen Zuseher. Doch die Verantwortlichen reagierten, holten hochkarätiges Personal wie Liefers, Maria Furtwängler und Axel Milberg in die Ermittlerteams. Auf der anderen Seite wurden Traditionen nicht angetastet: Klaus Doldingers Titellied erkennt jedes Kind schon nach dem ersten Ton, dazu der klassische «Tatort»-Schriftzug im Fadenkreuz. Identitätswahrende Modernisierung könnte man das nennen, was zu Beginn des Jahrtausends mit dem «Tatort» passierte.

Der «Tatort» mag über die Jahre graue Schläfen bekommen haben, aber er trägt sie mit Stolz und einem nicht kopierbaren Sexappeal zur Schau. Und was für ein Prestige die Rolle als «Tatort»-Kommissar unter Darstellern geniesst, hat Neu-Ermittler Wotan Wilke Möhring erst kürzlich im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» formuliert: «Dass man als Schauspieler schon vor dem ersten Drehtag Glückwünsche bekommt, habe ich bisher nur beim ‹Tatort› erlebt.»

Der Erfolg des Sonntagskrimis ist aber nicht nur in Gewohnheit und Pragmatismus der Zuschauerschaft begründet. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten – sonst oft hüftsteif und wenig innovationsfreudig – haben das Format in die Gegenwart geführt. Via @Tatort wird fleissig getwittert und mit den Anhängern diskutiert. Dazu kommt das Konzept «Tatort+», bei dem Fans online in die Rolle des Ermittlers schlüpfen und selbst auf Täterjagd gehen können.

Seit Jahren steigt die Reichweite kontinuierlich. Das schürt freilich gewisse Erwartungen. Wenn im Februar dieses Jahres beim «Tatort: Luzern» 7,78 Millionen Menschen vor dem Fernseher sitzen, ist tags darauf in der Presse vom «schwachen Schweiz-‹Tatort›» («Hamburger Abendblatt») die Rede. Doch obschon es der Wahrheit entspricht, dass der vom SRF verantwortete Krimi mit Kommissar Reto Flückiger und Kommissarin Liz Ritschard bei den Quoten den deutschen Produktionen hinterherhinkt, ist man beim Sender glücklich mit den Episoden aus Luzern.

Zahlen dürfe man wegen der aktuellen Gegebenheiten keine herausgeben, heisst es zwar auf Anfrage beim SRF. Nur so viel: «Die Schweizer ‹Tatort›-Folgen laufen exzellent.» In diesem Jahr habe der Sonntagskrimi bei den Zusehern in der Schweiz sogar «nochmals zugelegt». Um die Zukunft des Formates, das nach zehnjähriger Abstinenz erst seit 2011 wieder im SRF läuft, braucht man sich ob so viel Zufriedenheit keine Sorgen zu machen. «Es gibt keinen Anlass, auszusteigen», verspricht ein SRF-Sprecher.

Heute 20.05 Uhr, SRF 1: «Tatort – Borowski und der brennende Mann»

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