Es ist die wohl wichtigste Errungenschaft der neuen TV-Quoten. Mit dem modernisierten Messverfahren wird seit Jahresbeginn auch die zeitversetzte TV-Nutzung erhoben. Damit erfassen die Zahlen nun Zuschauer, welche die Sendungen später im Internet anschauen oder dank Digital-TV kurze Sendepausen während der Ausstrahlung einlegen. So soll dem digitalen Wandel Rechnung getragen und dem Werbemarkt sollen adäquate Zahlen geliefert werden.

Davor erklärten Fernsehstationen schwindende Zuschauerzahlen gerne damit, dass die Zuschauer eben ins Internet abgewandert seien, die Sendung aber weiterhin äusserst gut ankomme.

Nun zeigen neue Halbjahreszahlen, welche SRF-Formate reine «Live-Erlebnisse» sind und welche tatsächlich gerne später angeschaut werden (siehe Tabelle). Im Netz besonders beliebt sind fiktionale Inhalte. Jeder Zehnte guckt beispielsweise den «Tatort» nicht mehr sonntags um 20.05 Uhr, sondern dann, wann es ihm passt. Ähnlich sieht es beim jüngsten Quotenhit des Schweizer Fernsehens aus. 747 000 Zuschauer haben im Durchschnitt den «Bestatter» mit Mike Müller eingeschaltet. Davon 67 000 jeweils erst nach dem offiziellen Sendetermin.

Ebenfalls Fans im Netz hat die Satireshow «Giaccobo/Müller». 5 Prozent der durchschnittlich 489 000 Zuschauer sehen die Show erst im Internet. Das SRF veröffentlicht allerdings nur die zeitversetzte Nutzung am gleichen Tag bis 2 Uhr nachts. Zuschauer, welche die Sendungen erst Tage danach schauen, sind darin nicht enthalten.

Ein fast reines 19.30-Uhr-Ritual bleibt die «Tagesschau». Nur 3 Prozent verfolgen die täglichen Nachrichten nach dem Sendetermin. Noch extremer ist es bei der Polit-Sendung «Arena» oder dem Promi-Magazin «Glanz & Gloria». Hier ist die zeitversetzte Nutzung verschwindend klein.

Allerdings dürften sich diese Zahlen bald wieder ändern. Nach einem langen Streit um die neue Messmethode haben sich diese Woche Mediapulse und der Privatsender 3+ geeinigt. Die TV-Quoten dürfen nun veröffentlicht werden. Die Verfahren am Obergericht Nidwalden und am Bundesverwaltungsgericht werden eingestellt.

Bedingung für die Einigung war allerdings, dass Mediapulse ab dem 1. August auf die Erfassung jener Zuschauer verzichtet, die ausschliesslich über den Computer fernsehen. Die Online-Nutzung wird künftig nur noch erhoben, wenn die Zuschauer gleichzeitig ein gewöhnliches TV-Gerät besitzen. Wie sich dieser Beschluss auf die Daten auswirkt, ist noch offen. Die Folgen seien allerdings für alle Sender gleich, betonte diese Woche Mediapulse-Sprecher Nico Gurtner.

Die Einigung entstand nicht zuletzt auf Druck der Wirtschaft. Schliesslich fehlte der Werbebranche seit über einem halben Jahr die wichtigste Messgrösse – die Quoten. Die Fernsehwerbebranche setzt jährlich 700 Millionen Franken um.

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