Die Boulevardzeitung «Blick» erreichte 1987 mit 375 288 beglaubigten Exemplaren ihren absoluten Höhepunkt. 25 Jahre später hat sich die Auflage fast halbiert. Mit 191 064 bezahlten Zeitungen fiel sie erstmals seit 1967 (!) deutlich unter die Marke von 200 000. Den Einbruch um 8,3% in einem einzigen Jahr bewerten Experten als dramatisch, zumal der Vorsprung auf den Zürcher «Tages-Anzeiger» jetzt nur noch rund 2500 Exemplare beträgt.

Ist damit das Experiment mit den deutschen Chefredaktoren bei «Blick» und «SonntagsBlick» gescheitert? Ringier verneint offiziell. Insider sagen aber, für den glücklosen «SonntagsBlick»-Chef Karsten Witzmann werde bereits nach einem Nachfolger gesucht. Geschäftsführerin Caroline Thoma dementiert: «Die Chefredaktoren im Newsroom der ‹Blick›-Gruppe stehen nicht zur Diskussion. Weshalb auch? Es sind allesamt hervorragende Blattmacher, welche mit ihren jeweiligen Titeln einen ausgezeichneten Job machen.»

Diese Ansicht scheint jedoch Ringier-CEO Marc Walder nicht zu teilen, sonst würde er kaum Gespräche mit potenziellen Kandidaten führen. Auf Anfrage wollte er sich dazu nicht äussern, da er «im Moment» keine «öffentlichen Statements» mache. Ähnlich war die Ringier-Kommunikation einige Monate vor dem Rausschmiss des damaligen «Schweizer Illustrierte»-Chefredaktors Nik Niethammer.

Witzmann selbst reagierte nicht auf ein entsprechendes E-Mail, und auf telefonische Nachfrage sagte er gestern: «Kein Kommentar.» Stumm blieb auch Ralph Grosse-Bley, die starke, aber auch umstrittene Figur im Newsroom der «Blick»-Gruppe. Unter anderem seines Führungsstils wegen haben in den letzten Wochen weitere bekannte Journalisten gekündigt.

Ringier-Pressesprecher Edi Estermann relativiert den Auflageneinbruch: «Wir haben damit gerechnet, weil wir den Auslandvertrieb zugunsten der digitalen Kanäle eingestellt haben.» Dies sei mit der «Total Audience Strategie» zu begründen, «welche die ‹Blick›-Gruppe ganz konsequent fährt». Mit 2,8 Millionen Lesern erreiche die «Blick»-Gruppe pro Woche «eine eindrückliche Zahl».

Zweckoptimistisch betont Estermann, dass die Reichweite der «Blick»-Titel «noch nie so hoch war wie heute». Das würden die Auflagenzahlen jedoch nicht abbilden. Im Übrigen sei für Ringier grundsätzlich die verbreitete Auflage «weit weniger entscheidend als die profitable Auflage».

Trotzdem: Zufrieden kann er mit den Zahlen nicht sein, wie die Auflagenentwicklung der sonntäglichen Ausgabe zeigt. Wurden 1988 noch rund 376 000 Exemplare abgesetzt, so sind es gemäss den aktuellen Wemf-Zahlen noch 224 000 Stück. Das ergibt in 24 Jahren einen satten Rückgang um 40 Prozent. Zulegen konnte nur der «Blick am Abend», der jedoch gratis verteilt wird.

Noch gibt man sich bei Ringier zufrieden mit dem harten Boulevardkurs, den der «Blick» unter der Leitung von Grosse-Bley seit 2009 fährt. Selbst spektakuläre Entschuldigungen wie im Fall Hirschmann oder dem Schriftsteller Martin Suter scheinen ihm nicht zu schaden, auch wenn sie die Glaubwürdigkeit der Marke beschädigen. Berufsrisiko. «Boulevard ist grundsätzlich ein Grenzgängergeschäft», sagte Grosse-Bley kürzlich in einem Interview mit dem «Schweizer Journalist». Noch in schlechter Erinnerung ist die Berichterstattung über das Walliser Busunglück, wo der «Blick» die ethischen Grenzen gnadenlos überschritt.

Das eigentliche Problem liegt in der Themensetzung und der spezifisch deutschen Boulevardsprache. Hie und da kommentieren die deutschen «Blick»-Journalisten deutsche Ereignisse aus deutscher Sicht und merken dabei nicht, dass sie an der Schweizer Leserschaft vorbeischreiben. So wurde die Ernennung von Steinbrück zum sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten zum Tagesaufmacher gestemmt.

In einer Kolumne warf Roger Schawinski den «Hors-sol-Blick-Chefs» vor, im Grunde desinteressiert an der Schweiz zu sein. Das zeige sich auch an einem Titel wie «Katie Price breit wie Buddha». In Deutschland sei «breit» ein Slang-Synonym für total besoffen, schreibt Schawinski, «bei uns ist dieser Ausdruck absolut unverständlich.» Zumindest auflagesteigernd werden solche Titel hierzulande kaum sein.

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