VON CLAUDIA WEISS

Wer kennt das nicht: Unnachgiebig haftet die Schweissfolie auf der DVD-Schachtel, die Chipstüte reisst an der falschen Stelle und der Konfitürendeckel sitzt hartnäckig auf seinem Vakuum: Der tägliche Kampf mit Verpackungen bleibt niemandem erspart. Das hat Forscher der Technischen Universität Chemnitz zu einer Studie veranlasst, bei der sie 21 Personen im Alter zwischen 57 und 77 Jahren baten, testhalber verschiedene Produkte auszupacken.

«Wir haben absichtlich ältere Versuchspersonen gewählt», sagt Frank Dittrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft. «Jüngere kämpfen zwar mit denselben Problemen, aber sie können sie häufig mit Kraft lösen.» Anders die älteren Personen: Bei ihnen sind Kraft, Tastsinn und Sehfähigkeit eingeschränkt, sodass sie Konservengläser, Folien und Flaschen oft nicht mehr aufbekommen.

Der Test zeigte die Mängel deutlich: Von 35 Produktverpackungen liessen sich nur gerade drei von allen Probanden öffnen. Getestet wurden verschiedene Getränkeverpackungen und eine Auswahl aus Lebensmitteln, deren Verpackung erfahrungsgemäss Probleme bieten, wie die Klassiker Gurkenglas und eingeschweisste Pakete. Resultat: An sieben Produkten scheiterte ein Drittel der Versuchspersonen, und ein simples Schweissbeutelchen mit Hefe widerstand gar vier von fünf Personen.

Diese Verpackungen bleiben nicht ungeöffnet liegen, sondern werden mit Gewalt geöffnet – oft mit ungeeigneten Instrumenten: «50 Prozent der Befragten sagten aus, dass sie in der Not zum nächstbesten Hilfsmittel greifen», so Studienmitarbeiter Dittrich. Und dieses ist längst nicht immer tauglich: «Oft liegen Messer oder Schraubenzieher griffbereit, während eine Schere viel sicherer wäre.»

Das hat mitunter schmerzhafte Folgen: Dittrich verweist auf eine Studie, wonach in England in einem Jahr rund 67000 Menschen ein Spital aufsuchen mussten, weil sie sich an Verpackungen verletzt hatten. In der Schweiz hat die Beratungsstelle für Unfallverhütung im letzten Jahr 50200 Unfälle bei «Haushaltarbeiten und kleinen Hantierungen» registriert. «Dort sind allerdings sämtliche Unfälle in diesem Zusammenhang aufgeführt», hält Pressesprecher Daniel Menna fest. «Wahrscheinlich ist nur ein kleiner Teil davon auf das Öffnen von Verpackungen zurückzuführen.»

In der Statistik der Suva sind über 34 800 Unfälle wie «sich stechen, schneiden, kratzen, schürfen» erwähnt. Erich Wiederkehr von der Unternehmenskommunikation Suva: «Die Ergebnisse enthalten beispielsweise auch die Unfälle beim Zubereiten von Speisen oder beim Basteln.» Auch Mediziner begegnen Verpackungsunfällen: «Wir haben immer wieder Fälle von Verletzungen beim Öffnen von Verpackungen, erfassen diese jedoch wie ‹normale› Unfälle», so Axel Rowedder, Ärztlicher Leiter der Notfallpraxis Medix toujours in Basel. Über Häufigkeit, Altersverteilung und Verletzungsart kann er keine Angaben machen.

Im Kantonsspital Baden lässt sich gemäss Pressesprecher Marco Bellafiore höchstens eine Person pro Woche wegen verpackungsbedingter Verletzungen in der Notfallaufnahme verarzten. «Oft sind das stark blutende Schnittverletzungen, die beim Öffnen einer Büchse entstanden sind.»

Damit das nicht mehr passiert, tüfteln Techniker laufend an Verbesserungen. «Die Verpackungswirtschaft arbeitet intensiv daran, Verpackungen zu optimieren, und auch unsere Ausbildungen zielen in diese Richtung», bestätigt Andreas Zopfi, Verantwortlicher Ausbildung und Projekte beim Schweizerischen Verpackungsinstitut SVI. Denn: «Zu Verletzungen dürfen Verpackungen nicht führen.» Allerdings seien die vielfältigen Anforderungen an Verpackungen oft schwer zu erfüllen. Wie die Chemnitzer Studie zeigte, scheitern mitunter auch Hersteller, die sich grosse Mühe geben: Zwar bringen sie vorsorglich eine nette Öffnungshilfe an, die aber kaum sichtbar und daher nutzlos ist. Die Studie ist als erster Schritt zur Abhilfe gedacht.

Gegenwärtig läuft die konkrete Zusammenarbeit mit Herstellern, die laut Dittrich sehr interessiert sind, ihre Verpackungen aufgrund der Studienergebnisse zu verbessern. Einen noch grösseren Zuspruch findet die Arbeitsgruppe, wen wunderts, bei den Konsumenten: Viele hoffen immer noch unverdrossen auf Schweissfolien-Laschen, die halten, was sie versprechen.

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