VON KATRIN BLAWAT

Hoch aufgerichtet steht der Schimpanse im Regenwald. Die Arme hat er erhoben wie ein Holzfäller kurz vor dem nächsten Axthieb, seine Hände umklammern einen fast anderthalb Kilo schweren Gesteinsbrocken.

Ein letzter prüfender Blick auf die Nuss und den hölzernen Amboss vor ihm auf dem Boden. Zielsicher schleudert der Affe den Brocken hinab, die Nussschale zerspringt, die Nuss selbst bleibt unbeschädigt, und der steinerne Hammer hat eine Einkerbung mehr.

Für Julio Mercader, Archäologe an der Universität Calgary in Kanada, steckt in dem präzisen Schlag womöglich ein Hinweis auf die Erfindung des Werkzeuggebrauchs. Die Methode, Nüsse mithilfe von Hammer und Amboss zu knacken, haben Primaten schon vor mindestens 4300 Jahren angewandt, wie ein Team um den kanadischen Archäologen und Primatologen Christophe Boesch, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, vor zwei Jahren herausfand.

Die Wissenschafter entdeckten damals bis zu 32 Zentimeter lange und mehr als zwei Kilo schwere prähistorische Granitbrocken, die Affen als Werkzeug benutzt hatten.

«Es war das erste Mal, dass ein archäologischer Beweis für tierisches Verhalten gefunden wurde», sagt Christophe Boesch. Offenbar besassen also die Vorfahren des modernen Menschen und die heutiger Primaten gemeinsame kulturelle Merkmale, die man bisher nur dem Menschen zugestanden hatte.

Julio Mercader hält den Fund der Schimpansen-Hämmer für so richtungsweisend, dass er kürzlich zusammen mit 17 weiteren Autoren in der Fachzeitschrift «Nature» eine neue Forschungsdisziplin ausgerufen hat: die Primaten-Archäologie.

«Wir brauchen eine systematische Zusammenarbeit zwischen Archäologen, Paläontologen und Fachleuten für die modernen Primaten, um die menschliche Evolution zu verstehen», sagt Mercader. Dazu gehöre vor allem, wann und wie der Gebrauch von Werkzeugen Teil einer menschlichen oder tierischen Kultur wurde.

Bis vor zwei Jahren schien diese Frage zumindest in Ansätzen geklärt zu sein. Schimpansen, so die Lehrmeinung, hätten sich einst das Hantieren mit Hammer und Amboss von den Menschen abgeschaut. Dann begannen Mercader und Boesch im Tai-Nationalpark an der Elfenbeinküste nach Resten prähistorischer Schimpansen-Werkstätten zu suchen.

Im Schlamm des Flüsschens Audrenisrou wurden sie fündig. Mehr als 200 Granitbrocken lagen dort. An vielen erkannten die Forscher die typischen Abnutzungsspuren von steinernen Nussknackern. Von Menschen konnten diese Werkzeuge nicht stammen, denn sie wären viel zu schwer gewesen.

Ausserdem klebten an den Steinen noch Reste von Nüssen, die nur Schimpansen essen. Anhand von Holzkohleresten, die in der gleichen Sedimentschicht lagerten, bestimmten die Forscher das Alter der Funde auf etwa 4300 Jahre. «In dieser Region gab es aber vor 4300 Jahren noch keine Menschen», sagt Mercader.

Lesen Sie die ganze Geschichte in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!