Viviane Egli, Co-Geschäftsführerin von Primafila, einer Agentur für Corporate Publishing, bestätigt ohne Umschweife: «Haig Simonian arbeitet seit längerem ab und zu für uns. Er gehört zu unserm internationalen Netzwerk von Journalisten, die für uns tätig sind.» Wer den Namen des Schweizer Korrespondenten der renommierten «Financial Times» (FT) googelt, stösst auf Artikel, die in den Kundenmagazinen von Siemens und Bühler Uzwil erschienen sind. Ist das statthaft? Ist der Journalist nicht vielleicht befangen, wenn er über den Siemens-Konkurrenten ABB schreiben muss? Oder sind die privilegierten Informationen das Problem?

Die frühere Journalistin Egli vermutet «Verlagsinteressen» hinter der Recherche, da die Zeitungsverlage unter den massiv rückläufigen Werbeeinahmen leiden würden. «Was wir machen, nämlich qualitativ hochstehende Kunden- oder Mitarbeitermagazine mit journalistischen Inhalten herzustellen, ist schmerzlich für Zeitungen und Zeitschriften.» Sie spricht von einem «gewaltigen Umbruch», da die Firmen gemerkt hätten, dass klassische Werbung und PR nicht mehr funktionierten.

Haig Simonian selbst rechtfertigt seine «seltenen Artikel für Kundenzeitschriften» damit, dass er «kein Ayatollah» sei, also eine klare Trennlinie ziehen könne. «Beispielsweise für das Kundenmagazin einer Grossbank zu schreiben», räumt er ein, «wäre undenkbar.» Bühler Uzwil dagegen sei kein börsenkotiertes Unternehmen und deshalb kein Thema für die FT. Auch über Siemens schreibe er nicht in der britischen Wirtschaftszeitung, sagt er. Das stimmt aber nicht, wie ein Blick in die Mediendatenbank zeigt. So schrieb Simonian im Januar und November zwei Artikel, in denen er ABB und Siemens verglich.

«Die Kontakte helfen mir und damit den Lesern, die Technik und damit auch ABB besser zu verstehen», sagt Simonian. ABB-intern sieht man dies kritischer, wie der «Sonntag» weiss. Das Unternehmen zog es aber vor, zu schweigen.

Der «Financial Times» in London, die sich als die beste und unabhängigste Wirtschaftszeitung der Welt sieht, war die Nebentätigkeit ihres Korrespondenten offensichtlich nicht bekannt. Grundsätzlich gelte eine Offenlegungspflicht für alle FT-Journalisten, hält Pressesprecherin Kristina Eriksson fest. In diesem Fall habe man jedoch keine Kenntnis gehabt, doch Haig Simonian sei sich bewusst, «dass er künftig um eine Erlaubnis nachsuchen muss». Da er aber nicht über die betreffenden Firmen schreibe, so Eriksson weiter, «besteht kein Risiko eines Interessenkonflikts». In ihrer Antwort bezeichnet sie Simonian als «contributing correspondent», was so viel bedeutet, dass er nicht mehr zu hundert Prozent angestellt ist, sondern auf ein Fixum reduziert wurde. Im Klartext: Die FT hat den Zürcher Korrespondenten aus Spargründen herabgestuft.

In letzter Zeit machte der «Sonntag» verschiedentlich heikle Nebenbeschäftigungen von Medienschaffenden publik, wie etwa ein Verwaltungsratsmandat von Daniela Decurtins, damals Mitglied der «Tagi»-Chefredaktion, oder die Auftritte prominenter TV-Journalisten. Letztlich geht es dabei um die Frage von Glaubwürdigkeit, Transparenz und Unabhängigkeit der Medien. Immer wieder ins Blickfeld gerät auch die «Weltwoche», die von der Politik und staatlichen Instanzen zwar Transparenz einfordert, in eigener Sache davon aber nichts wissen will.

Ein neuer Fall findet sich in der aktuellen Ausgabe. Der Artikel unter dem Titel «SRG-Monster» passt zur Kampagne, welche das Blatt seit Monaten gegen die SRG reitet. Autorin ist die renommierte Kultur-Journalistin Pia Reinacher. Sie kritisiert mit Verve die Absicht, dass auch Firmen mit einem Umsatz von über einer halben Million Franken SRG-Gebühren bezahlen sollen und schreibt von einer «immer gefrässigeren SRG, die immer weniger konsumiert wird».

Es ist Pia Reinacher durchaus abzunehmen, dass sie gegen die «erzwungene Spitzen-Rundfunkgebühr» mit Blick auf die Normalverdiener anschreibt. Auf Anfrage sagt sie: «Ich rege mich masslos auf, dass ich sowohl privat wie auch als KMU zwangsmässig massive Gebühren zahlen muss, obwohl ich SRF quasi nie schaue, weil es mich langweilt.»

Doch Fakt ist aber auch: Pia Reinacher ist nicht nur mit dem Kommunikationsspezialisten Fredy Müller verheiratet, sondern sie ist auch Mitglied der Geschäftsleitung seiner auf Public Affairs spezialisierten Firma MC&P, die bis Ende 2011 ein Mandat der Schweizer Verleger betreute. Müller persönlich unterstützte die Lobbyarbeit gegen die Pläne der SRG, das Online-Portal mit Werbung zu finanzieren. Über diesen Hintergrund findet sich in der «Weltwoche» kein Wort.

Pia Reinacher beruft sich darauf, in der Firma MC&P nur für die Administration und das Personal zuständig zu sein. Mit den Mandaten haben sie nichts zu tun. (Am letzten Verlegerkongress in Flims war sie aber trotzdem zugegen.) Für Fredy Müller ist der Vorwurf «konstruiert und an den Haaren herbeigezogen». Und die «Weltwoche» schreibt: «Man kann und soll ihr weder Beruf noch Mund verbieten.» Das Mandat habe mit den von Reinacher thematisierten SRG-Gebühren «absolut nichts zu tun» und sei überdies Ende 2011 ausgelaufen.

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