Melina Meier (Name geändert) graut vor dem 20. Juni. Dann läuft das dreimonatige richterliche Kontaktverbot für ihren Ex-Freund ab. Das heisst, er darf wieder mit ihr Kontakt aufnehmen, ohne mit einer happigen Busse rechnen zu müssen. Weil sie sich vor neuen Belästigungen fürchtet, wollte die 39-Jährige das Verbot verlängern lassen. Erfolglos. «Er hält sich brav an die Sperrzeit und hat mich nicht erwürgt», sagt sie mit bitterem Humor. Es scheint egal zu sein, dass er sie seit der Trennung vor drei Jahren mit SMS und Anrufen bombardierte.

«Er rief mich Tag und Nacht an, um mich aufs Übelste zu beschimpfen, schrieb abwechslungsweise ‹du Schlampe, verpiss dich aus meinem Leben› und ‹ich bringe mich um›», erzählt Meier. Die attraktive Zürcherin ist inzwischen psychisch am Limit und verlässt das Haus erst, wenn sie sicher ist, dass sich ihr Ex-Freund nicht in ihrer Nähe herumtreibt.

Das Gesetz hilft ihr in dieser Situation wenig. Zwar wird gemäss einer Studie der Technischen Universität Darmstadt mehr als jede zehnte Person – mehr Frauen als Männer – im Lauf ihres Lebens mindestens einmal gestalkt, die Dunkelziffer nicht mitgezählt. Schweizer Zahlen existieren nicht, «aber ausnahmslos alle können betroffen sein», wie Roman Frey von der Opferhilfestelle Weisser Ring betont.

Trotzdem ist in der Schweiz Stalking, das hartnäckige, unerwünschte Nachstellen, kein Straftatbestand. Die Opfer können sich nur auf Tatbestände wie Hausfriedensbruch, Missbrauch der Fernmeldeanlagen, Drohung, Nötigung oder Sachbeschädigung berufen.

Das genügt oft nicht, auch wenn der Bundesrat das findet. «Bereits heute sind die meisten für Stalker typischen Verhaltensweisen mit Strafe bedroht», antwortete er 2008 auf eine Motion der Nationalrätin Doris Fiala. Theoretisch mag das stimmen, in der Realität ist alles komplizierter. «Wie soll ein Stalkingopfer vorgehen, wenn es täglich unerwünschte Blumensträusse oder Liebesbriefe erhält?», fragt Irene Huber Bohnet, Co-Leiterin der Fachstelle gegen Gewalt des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. Sie antwortet selber: «Es ist sehr schwierig, eine solche Belästigung nachzuweisen, die ja erst in der Summe überhaupt zur Bedrohung wird.»

Im Klartext bedeutet dies: Das Opfer muss in akribischer Kleinarbeit die Beweise zusammentragen und unermüdlich damit zur Polizei traben. «Ein Stalkingfall dauert in der Regel drei bis fünf Jahre, und die meisten Opfer sind danach psychisch am Ende», weiss Opferhelfer Frey aus langjähriger Erfahrung. «Viele leiden unter Angstzuständen oder Depressionen und können kein normales Leben mehr führen.» Melina Meier beispielsweise bekam den Eindruck, ihr Ex-Freund gewinne schrittweise Macht über ihr ganzes Leben. Als ob Telefon- und Handyterror nicht genügten, hetzte er der Physiotherapeutin, die eine eigene Praxis hat, die Krankenkasse auf den Hals: In einem anonymen Brief deutete er an, sie rechne unkorrekt ab.

«Das ist typisch für einen Stalker. Er sucht, welche Knöpfe er drücken kann, um das Opfer zu einer Reaktion zu zwingen – egal, wie», so Roman Frey. Einige wenden sich gar an Freunde oder Arbeitgeber, um Auskünfte über das Opfer einzuholen oder üble Verleumdungen zu platzieren. So wie Ex-Armeechef Roland Nef, der im Namen seiner Ex-Freundin Sex-Inserate aufgegeben und intime Details über sie verbreitet haben soll.

Hier hilft nur eine Anzeige – und konsequentes Nichtbeachten. «Jede Reaktion ist, als würde man einen Zwanziger in eine Parkuhr werfen – sie lässt den Stalker weiter handeln», warnt Frey. Er rät den Opfern dringend, sofort jeden Kontakt radikal abzubrechen und dies per eingeschriebenen Brief klarzustellen. In einem zweiten Schritt doppelt der Weisse Ring mit einem offizielleren Brief nach. Nützt auch das nichts, bleibt den Opfern nur das Sammeln von Beweisen. Melina Meier hat schon ungezählte Stunden damit verbracht, die Begebenheiten aufzulisten und jedes Mal wieder bei der Polizei zu deponieren.

«Daran würde zwar auch ein Anti-Stalking-Gesetz nichts ändern», sagt Irene Huber von der Fachstelle gegen Gewalt. «Die Beweislast läge auch weiter-hin beim Opfer.» Aber: Wenigstens würde ein klares Zeichen gesetzt, dass Stalking nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich nicht in Ordnung ist.

Immerhin ist seit Juli 2007 Artikel 28b im Schweizerischen Zivilgesetzbuch in Kraft, mit dem die Opfer ein Annäherungs-, Orts- oder Kontaktverbot erwirken können. Das ist jedoch eine harzige Sache. «Anfangs glaubten die Polizisten, ich sei eine hysterische Ziege», sagt Melina Meier. Erst, als sie in ihrer Verzweiflung die Waffe ihres Ex-Freundes erwähnte, wurde ein Polizist hellhörig.

Zusammen mit all den gesammelten Beweisen kam im März das richterliche Kontaktverbot zustande. Was danach kommt, steht offen. Aber Melina Meiers Ex-Freund hat bereits angekündigt, er werde sich wieder melden. Opferhelfer Frey: «Stalking ist wie ein schlimmer Verfolgungswahn – nur real.»

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