Die SRG-Delegierten haben in einem Monat zu entscheiden, wer künftig den Verwaltungsrat des grössten und einflussreichsten Medienunternehmens der Schweiz präsidieren wird. Wie vom «Sonntag» angekündigt, stehen sich am 22. September Raymond Loretan und Viktor Baumeler gegenüber. Wer hat die besseren Chancen: der ehemalige CVP-Generalsekretär Loretan oder der einstige Luzerner Staatsschreiber Baumeler?

Für Loretan spricht, dass er den Verwaltungsrat hinter sich hat. Das Gremium hat sich am vergangenen Dienstag einstimmig für den Quereinsteiger als künftigen Präsidenten ausgesprochen. Fünf von neun Verwaltungsräten sind gleichzeitig Mitglieder der Delegiertenversammlung. Rechnet man die 15 Delegierten-Stimmen aus der französischen und italienischen Schweiz dazu, kommt der Romand aus dem Unterwallis auf 20 Stimmen. Sind am Wahltag alle Delegierten anwesend, reichen 21 Stimmen, um Präsident zu werden.

Gegen Loretan spricht, dass er bei vielen Deutschschweizer Delegierten als klassischer Vertreter des CVP-Filzes gilt. Also dem inneren Führungszirkel der Partei zugeschlagen wird, der sich gegenseitig wichtige Posten zuschanzt.

Für Baumeler spricht, dass er auf die Unterstützung der Präsidenten der sechs Deutschschweizer Mitgliedgesellschaften zählen kann, die alle ebenfalls Delegierte sind, und ihn als Kandidat für das SRG-Präsidentenamt vorschlagen. Niklaus Zeier, Präsident der Mitgliedgesellschaft Zentralschweiz, findet es wichtig, dass der künftige SRG-Präsident aus der Trägerschaft kommt, also den Betrieb kennt. Das sei bei Baumeler gewährleistet, der auch über ein gutes Netzwerk verfüge. Er habe darüber hinaus als Staatsschreiber unternehmerische Erfahrungen sammeln können in einem Service-Public-Betrieb, welcher der SRG nicht unähnlich sei. Vor allem aber habe er beim heiklen SRF-Konvergenzprojekt – gemeint ist die Zusammenführung von Radio DRS und Schweizer Fernsehen – eine zentrale Rolle gespielt.

Wenn Baumeler die erforderlichen 21 Delegiertenstimmen erreichen will, muss er die Deutschschweiz unisono hinter sich vereinen und drei zusätzliche Stimmen für sich gewinnen. Zeier ist einigermassen sicher, dass die Deutschschweizer Delegierten geschlossen für Baumeler votieren werden. Und er hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich bei der geheimen Wahl unter den fünf stimmberechtigten VR-Mitgliedern «etwas bewegt».

Gegen Baumeler spricht, dass es eine gewisse Skepsis gibt, ob er stark genug sei, um dem kräftigen SRG-Generaldirektor Roger de Weck ein ebenbürtiger Partner zu sein. Zeier allerdings findet, dass der Ex-Staatsschreiber für de Weck «ein guter Sparringpartner» wäre.

Ebenso spannend wie die Präsidentenwahl wird die Wahl eines einfachen Mitglieds des Verwaltungsrats. Die SP-Vertreterin Elisabeth Veya muss ersetzt werden. Der SRG-Verwaltungsrat schlägt die Werberin Regula Fecker vor. Damit sind die Sozialdemokraten nicht einverstanden. Im Moment ist die Partei auf Kandidatensuche und betreibt unter den Delegierten ein eigentliches Lobbying dafür, dass der Sitz erneut einem SP-Mitglied zugeteilt wird. SP-Medienpolitiker Hans-Jürg Fehr ist «dezidiert» der Meinung, dass seine Partei im SRG-Vorstand vertreten sein müsse. Und er hat auch einige Namen im Köcher: die Ex-Regierungsräte Markus Notter (Zürich), Ralph Lewin (Basel-Stadt) und Monika Dusong (Neuenburg). Oder Ex-Nationalrätin Barbara Haering.

Immer stärker in den Vordergrund schiebt sich allerdings Martina Buol. Die 46-jährige Juristin aus Freiburg hat den Vorteil, dass sie als Bilingue sowohl bei einem Präsidenten Baumeler als auch bei einem Präsidenten Loretan wählbar wäre. Während Fecker nur in die Kränze kommt, wenn der Romand Loretan oberster SRG-Chef wird. Als neckisches Detail kommt hinzu, dass Buol Stabschefin bei Medienminister Moritz Leuenberger war. Sie bekleidete also das gleiche Amt wie einst die nun abtretende SRG-Verwaltungsrätin Elisabeth Veya.

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