Gespenstische Stille statt Getrommel und Sprechgesängen: Beim Zürcher Fussballderby FCZ gegen GC am vergangenen Sonntag blieben die Zuschauerränge der hartgesottenen Fans im Letzigrund-Stadion während der ersten zehn Spielminuten leer. Die Fans protestierten damit gegen das umstrittene Hooligan-Konkordat, über das im Juni in Zürich abgestimmt wird und das die Gewalt in und um die Fussballstadien mit mehr Repression eindämmen soll.

Vom stillen Protest, am Nachmittag in der TV-Liveübertragung von Kommentator Beni Turnheer immerhin knapp erwähnt, war um 18.15 Uhr im «Sportpanorama» auf SRF 2 im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr zu hören. Die Geräuschkulisse in der Matchzusammenfassung suggerierte schon beim Einlaufen der Spieler beste Stimmung im Stadion. «SRF macht aus Stille Fan-Gesang», berichtete der «Tages-Anzeiger» – was ungläubige bis empörte Reaktionen auslöste. SRF musste zugeben, den Ton manipuliert zu haben, um den «Beitrag attraktiver zu gestalten», und entschuldigte sich für die «inakzeptable Fehlleistung eines einzelnen Mitarbeiters».

Erstmals äussert sich jetzt SRF-Sportchef Urs Leutert zur Tonmanipulation, mit der das Schweizer Fernsehen gemäss Einschätzung des früheren Presserats-Präsidenten Peter Studer gegen das Radio- und Fernsehgesetz verstossen hat und SRF mit dem Vorwurf konfrontiert, politische Proteste zu unterdrücken.

«Der Mitteilung, dass es sich um eine inakzeptable Fehlleistung handelte, gibt es nichts beizufügen», sagt Leutert. «Es gibt weder Anweisungen für derartige Attraktivitätssteigerungen noch sind sie Praxis bei uns.»

Gleichzeitig räumt Leutert grundsätzliche Fehler ein: «Die leeren Sitze und die gemeinsame Aktion der FCZ- und GC-Fans hätte im Vorfeld der Liveübertragung thematisiert werden sollen.» Die Journalisten vor Ort hätten um 14 Uhr vom geplanten Fan-Boykott erfahren: «Nach langen Diskussionen entschieden sie, den Boykott nicht zu erwähnen, weil sie dafür keine Plattform bieten wollten.» Leutert kündigt deshalb an, den Fall aufarbeiten zu wollen: «Ich habe für Dienstag die gesamte Sportabteilung aufgeboten. Wir wollen aus diesem Fall lernen und Grundsatzfragen – Informationspflicht versus Plattform für Proteste – klären.» Gemäss Leutert gibt es bei nationalen Sportveranstaltungen keine Vorgabe, politische Proteste auszublenden. Anders liege der Fall, wenn die SRG für Dritte wie zum Beispiel die Uefa produziere – dann gelte deren Manual: «Darin steht dann etwa, dass Feuerwerke, Fan-Krawalle und politische Spruchbänder nicht gezeigt werden dürfen.»
Die klärende Sitzung zum gravierenden Manipulationsfall, der bis dato zwei Beschwerden bei der Ombudsstelle von Schweizer Radio und Fernsehen auslöste, dürfte auch dem Unmut beim Personal in der SRF-Sportabteilung geschuldet sein. In die Kritik gerät intern auch SRF-Sportchef Urs Leutert selbst, wie Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen.

Für Ärger sorgt in der Sportabteilung, dass die Medienstelle öffentlich einen einzelnen Mitarbeiter für den Fehler verantwortlich machte, während die TV-Chefs tagelang auf Tauchstation gingen. Dabei seien die Probleme grundsätzlicher Natur: «Die personellen Ressourcen sind so knapp, dass 90 Prozent der Fussball- und Hockeyberichte über den Sender gehen, ohne dass ein Produzent den Beitrag abgenommen hat», sagt ein SRF-Mitarbeiter. «In der Sportabteilung wird systematisch gegen das Vier-Augen-Prinzip verstossen. Die Kontrollmechanismen sind ausser Kraft», kritisiert ein anderer Sportjournalist. «Die Sportberichterstattung ist massiv ausgebaut worden, ohne dass die personellen Ressourcen entsprechend ausgebaut worden wären. Und weil SRF 2 die Quotenziele nur mit Sport erreicht, verlangt Direktor Ruedi Matter auf SRF 2 immer noch mehr Sport.» Dazu komme, dass Sportchef Urs Leutert nicht nur die Sportabteilung des Senders führe, sondern auch die «Business Unit Sport» der SRG. «Dieses Doppelamt führt zu einem massiven publizistischen Defizit. Die Sportabteilung wird publizistisch nicht geführt», kritisieren mehrere Mitarbeiter, die von «Führungsfehlern» sprechen.

Konfrontiert mit dieser Kritik sagt Urs Leutert: «Das Vier-Augen-Prinzip gilt selbstverständlich auch bei uns. Nur ist es bei Champions-League-, Super-League- und Eishockey-Spielen unmöglich einzuhalten. Die Berichte werden während der laufenden Spiele geschnitten und getextet und gehen unmittelbar danach auf Sendung.» Dass publizistische Fragen teilweise zu kurz kamen, räumt er ein: «Bis vor einem Jahr haben mich aufwendige und schwierige Rechte-Verhandlungen enorm beansprucht. Seit dem erfolgreichen Abschluss habe ich wieder wesentlich mehr Zeit für die direkte publizistische Leitung.» Dass der Druck gross sei, auf SRF 2 mehr Sport zu bringen, stellt Leutert nicht in Abrede: «In der breiten Wahrnehmung ist SRF 2 ein Sportkanal. Die Profilierung des Senders mit einem attraktiven Film- und Serienangebot ist schwierig. Die Geschäftsleitung möchte das Sportprogramm vor allem dort ausbauen, wo wir zusätzliche Senderechte besitzen. Dies ist zum Beispiel im Tennis der Fall, was wir gerne tun, wenn es personell möglich ist.»

Der SRF-fall wirft allerdings auch ein grundsätzliches Schlaglicht auf die Qualität des Sportjournalismus: Wird die Informationspflicht zunehmend der kommerziellen Inszenierung geopfert?

Auch im Printbereich entwickle sich der Sportjournalismus in Richtung oberflächliche Unterhaltung, sagt Walter Mengisen, Rektor der Eidgenössischen Hochschule für Sport (EHSM): «Es fehlen vertiefte Analysen und Hintergrund-Geschichten.» Als Beispiel nennt er die aktuelle Berichterstattung zur Eishockey-Weltmeisterschaft in Schweden: «Sie hätte stärker aufzeigen sollen, weshalb die Schweiz plötzlich derart erfolgreich ist.»

Viele Sportinteressierte würden inzwischen in den rasch wachsenden, nichtkommerziellen Online-Bereich ausweichen. «Es gibt eine Expertengemeinde, die sich in Online-Foren austauscht», sagt Mengisen. «Blog-Schreiber werden zu Akteuren mit oft sehr guten Analysen. Zeitungen hingegen bieten Mainstream.» Beispiele dafür sind Foren wie www.hockeyfans.ch oder der Fussball-Taktikblog www.spielverlagerung.ch.

Janine Geigele, Vorstandsmitglied des Journalistenverbands «Sportpress», spricht von einem «gewaltigen Wandel» des Sportjournalismus. Studenten, welche die Fachhochschulen mit einem Bachelor in Medienwissenschaften verliessen, benötigten «anfangs intensive Betreuung durch erfahrene Kollegen», sagt Geigele, die selbst 20 Jahre als Journalistin arbeitete und heute Langstreckenläufer Viktor Röthlin und Hürdensprinterin Lisa Urech in Medienbelangen betreut. Newsdesk, Konvergenz, Spar- und Zeitdruck hätten dazu geführt, dass Journalisten ihr Büro kaum verlassen könnten: «Das führt dazu, dass sie gerne Ideen aufgreifen, die von PR-Seite kommen.»

SRF-Sportchef Leutert bereiten vor allem die «zunehmende Verflechtung und Verbandelung, die verdeckten Interessenbindungen, der direkte oder subtile Einfluss von Wirtschaft und Kommerz» Sorgen. «Und dass sich Sportjournalisten nicht heftiger dagegen wehren können, aus schierer Existenzangst.» Leutert zielt damit indirekt auf «InfrontRingier», eine Vermarktungsagentur auch für Sportler, an der Ringier beteiligt ist. «Das ist ein Dauerthema, mit dem ich konfrontiert werde», sagt «Blick»-Sportchef Felix Bingesser. «Im Tagesgeschäft arbeiten wir jedoch unabhängig. Wäre das nicht so, würde ich nicht beim ‹Blick› arbeiten.»

Für Bingesser ist klar: Inszenierung darf nicht zu Manipulation führen, wie sie bei SRF geschehen ist. «Das geht grundsätzlich nicht», sagt er. «Man darf die Zuschauer nicht derart plump hinters Licht führen. Das Produkt Sport ist gut genug. Es muss nicht künstlich aufgepeppt werden.»

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