«SOPHIES NEUE WELT»

Das neue Album «1983» der gefeierten Schweizer Sängerin Sophie Hunger ist stilistisch vielfältiger, farbiger, aktueller, rhythmischer, elektrischer als der erfolgreiche Vorgänger – und manchmal sogar fröhlich.

VON STEFAN KÜNZLI

Platz 1 in der Schweizer Album-Hitparade, Platin-Auszeichnung für 30 000 verkaufte Alben in der Schweiz, 20 000 in Deutschland und 15 000 in Frankreich. Das erste Studioalbum «Monday’s Ghost» von Sophie Hunger hat im In- und Ausland eine wahre Jubel-Orgie sowie einen medialen Hype ausgelöst, der seinesgleichen sucht. «Ich kann das alles gar nicht fassen und erfassen, es ist viel zu abstrakt», sagt Sophie Hunger dem «Sonntag». Real sind für sie aber die über hundert Konzerte im letzten Jahr, indem sie enthusiastisch gefeiert wurde. «Die Konzert-Erlebnisse haben meinen Erfolg gesund gemacht – und echt. Das zählt und darauf kann ich aufbauen.»

Rund anderthalb Jahre nach «Monday’s Ghost» erscheint nun das viersprachige «1983», das sie ihrem Jahrgang und ihrer Generation widmet. Das Titelstück pendelt zwischen Klage, Anklage und Selbstanklage und kann individuell gedeutet werden. Viel wichtiger ist der 27-Jährigen die musikalische Entwicklung. «Für mich bedeutet ‹1983› einen grossen Schritt, den ich als musikalische Befreiung erlebt habe.» Auslöser für die Neuerfindung von Sophie Hunger war ihr Instrument. «Meine akustische Gitarre begann mich zu langweilen», sagt sie. Umgekehrt faszinierten sie die Möglichkeiten von Drumcomputern, von elektrischen Klängen und Effekten.

«1983» ist der Ausbruch aus der akustischen Klangwelt. Bisher begannen die meisten Songs mit akustischer Gitarre oder Klavier. Jetzt prägen rhythmische Figuren und Klänge viele der Songs. Im hinreissenden Opener «Leave me with the Monkeys» ist es eine einsame Pauke, die den opulenten Chorgesang antreibt. Der «Lovesong for Everyone» wird mit Becken umrahmt. Bisher hat Hunger das Perkussive und Rhythmische eher vernachlässigt. Jetzt gibt es den Songs eine Form und den speziellen Charakter. Im Titelsong sind es Tom Toms, in «Headlights» monotone Drumcomputer-Beats, in «Le Vent Nous Portera» und «D’Red» Besen, in «Citylights Forever» synthetische Perkussionsklänge, in «Broken English» Trommeln und in «Your Personal Religion» Rockbeats.

Jeder Song erhält dadurch eine eigene Farbe. Hunger lobt dabei ihren Schlagzeuger Julian Sartorius, der sich in der aktuellen Schweizer Jazz-Szene (mit Co Streiff, Christoph Erb, Jürg Halter, Stefan Aeby) einen Namen gemacht hat. «Er ist ein Meister der Farbe», sagt sie. Ihn interessieren nicht nur Taktmass und die Beats, sondern Form, Struktur und Klang. «Julian behandelt sein Schlagzeug wie ein Instrument», sagt sie.

Gleichzeitig erhöht Sophie Hunger die stilistische Vielfalt. Ist rockig-rotzig in «Your Personal Religion» und auch funky in «Approximatly Gone». Sie kann nicht mehr auf die folkige, etwas rückwärtsgewandte Singer-Songwriterin reduziert werden. Sophie Hunger ist im Hier und Jetzt angekommen.

Fundamental verändert hat sich für sie auch die Studioarbeit. «Für ‹Monday’s Ghost› hatten wir einfach 14 Songs, die wir live schon erprobt hatten und dann einfach noch im Studio aufgenommen haben. Das war diesmal ganz anders», sagt sie. «Das Studio hat sich entmystifiziert und ich habe es genutzt und als Instrument zur Klangerweiterung entdeckt.» Doch «1983» bedeutet für Sophie Hunger nicht nur Bruch. Das Album ist auch Weiterentwicklung und Kontinuität. «Le Vent Nous Portera», «Travelogue», «Breaking The Waves», «D’Red» und «Train People» wurden live mit der Band, also nach altem Rezept, aufgenommen.

Hunger ist es tatsächlich gelungen, das grossartige Vorgänger-Album noch zu toppen. Musikalisch ist «1983» noch reicher, sie vermag dabei aber die Essenz von Sophie Hunger zu bewahren: die typischen Verzierungen und Phrasierungen in ihrem Gesang sowie die Melodielinien. Sophie Hunger hat ihre melodische Identität gefunden.

Ins Kapitel Kontinuität gehören aber auch die beiden fantastischen Musiker Michael Flury (Posaune) und der Multi-Instrumentalist Christian Prader (Gitarre, Gesang, Flöte, Mundharmonika). Sie kommen auf dem Album nicht so stark zur Geltung. Live werde sich das aber ändern, verspricht Hunger.

In die melancholische Welt von Sophie Hunger mischen sich auf «1983» neu auch fröhliche Melodien («Breaking The Waves» und «Invisible»). «Der Erfolg hat mich schon auch verändert», sagt sie, «ich habe mich gegen aussen bewegt, bin mit den Konzerten aufgeblüht und habe gelernt, mit Emotionen und dem Publikum umzugehen. Früher sass ich an meinen Konzerten, doch heute wäre das für mich undenkbar. Seit einem Jahr stehe ich.»

Sophie Hunger: 1983, Gentleman.
Erscheint am 26. März. HHHH
Tour: www.myspace.com/sophiehunger


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