VON FELIX STRAUMANN

Für Skeptiker, die sich nie so recht für den Klimawandel erwärmen konnten, ist es ein gefundenes Fressen: Die globalen Durchschnittstemperaturen haben im letzten Jahrzehnt kaum zugenommen. Bestätigt hat dies unlängst das renommierte britische Hadley-Zentrum für Klimawandel mit seinen neusten Berechnungen. Demnach hat sich von 1999 bis 2008 die Welt nur um 0,07 Grad Celsius erwärmt – und nicht um 0,2 Grad Celsius, die der Weltklimarat IPCC in seinem letzten Bericht prognostiziert hat. Wenn die Hadley-Forscher Naturphänomene wie «El Niño» herausrechnen, ergibt sich sogar ein Stillstand der Klimaerwärmung.

Dieses Nullwachstum ist überraschend, denn alle anderen Klimaeckdaten der letzten Jahre zeigen steil nach oben. Der britische meteorologische Dienst, dem das Hadley-Zentrum angeschlossen ist, und auch das deutsche Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben den aktuellen Wissensstand vor wenigen Tagen zusammengetragen:

Treibhausgase: Der weltweite Kohlendioxid-Ausstoss steigt seit ein paar Jahren so stark an, wie dies der Weltklimarat nur in seinen pessimistischsten Szenarien angenommen hat. 2008 lag der Wert 40 Prozent höher als noch 1990.

Eisschmelze: Das Arktis-Eis ist in den Sommern 2007 und 2008 unerwartet schnell geschmolzen. Fachleute befürchten deshalb, dass die Region empfindlicher auf Klimaänderungen reagiert als erwartet. Aktuelle Messungen zeigen zudem, dass die Eispanzer von Grönland und der Antarktis zunehmend an Masse verlieren – so, wie man das schon länger bei Gletschern in anderen Weltregionen beobachtet.

Meeresspiegel: Neue Daten weisen darauf hin, dass sich der Anstieg beschleunigt. Bis 2100 liegt der Meeresspiegel wahrscheinlich doppelt so hoch, wie dies noch im letzten UNO-Klimabericht von 2007 prognostiziert wurde. Im Extremfall liegt der Anstieg nach aktuellem Wissensstand dann bei zwei Metern. Danach könnte der Meeresspiegel aber noch während Jahrhunderten weiter steigen, auch wenn die weltweiten Temperaturen stabiliert worden sind.

Niederschläge: Auch hier liegen die beobachteten Veränderungen (Abnahme in den Subtropen, Zunahme in den höheren Breitengraden) am oberen Ende der Voraussagen von Modellen.

Wie passen diese Messdaten zum gegenwärtigen Stillstand der Erwärmung? «Solche Temperaturschwankung liegen im Bereich des Wahrscheinlichen», sagt dazu Reto Knutti, ETH-Klimaphysiker und Mitautor des UNO-Klimaberichts 2007. «Das ist nichts Aussergewöhnliches.» Die Computermodelle der Klimaforscher sind auf so kurze Zeiträume nicht ausgelegt. Das können sie gar nicht: «Die Weltmeteorologische Organisation definiert Klima als mittleren Zustand über 30 Jahre», so Knutti.

An den Prognosen der Klimaforscher ändert der gegenwärtige Temperaturstillstand deshalb nichts: Um die Folgen des Klimawandels auf ein erträgliches Mass zu beschränken, wäre eine globale Reduktion der CO2-Emissionen von 50 bis 80 Prozent bis ins Jahr 2050 nötig.

«Auch ohne zusätzliche Temperatursteigerung waren die letzten 10 Jahre die wärmsten seit Beginn der Messungen vor 150 Jahren», sagt Knuttis Kollege, ETH-Klimatologe Stefan Brönnimann. Alle Jahre seit 2001 belegteneinen der ersten zehn Ränge. «Das laufende Jahr könnte es auch unter die ersten fünf schaffen», so Brönnimann.

Dennoch debattieren die Klimaforscher über die Stagnation der Erwärmung. «Zu verstehen, welche Faktoren für den momentanen Stillstand verantwortlich sind, würde bei mittelfristigen Prognosen fünf bis sechs Jahre im Voraus helfen», so Brönnimann. «Das wäre ein Zeitraum, in dem Unternehmen oder Behörden Investitionen planen.»

Als mögliche Ursache für die Ruhepause diskutiert man eine veränderte Ozeanzirkulation. Kaltes Wasser aus den Tiefen der Meere kann dadurch vermehrt an die Oberfläche gelangen und so vorübergehend einen kühlenden Effekt haben.

Andere Forscher machen die Sonneneinstrahlung verantwortlich. Diese befindet sich zurzeit innerhalb ihres elfjährigen Aktivitätszyklus auf einem Tiefstand. «2001 war ein Sonnenmaximum, jetzt sind wir auf einem Minimum, das länger und tiefer ist als frühere», so Brönnimann. Allerdings sei der Beitrag der Sonne zu klein, um allein für die Temperatur-Stagnation verantwortlich zu sein.

Doch was passiert, wenn die kühlenden Faktoren wieder wegfallen – droht ein plötzlicher Temperatursprung? «Ich rechne damit, dass es wieder einen Anstieg gibt», sagt Knutti. Allerdings glaube er nicht, dass es dann auf einen Schlag massiv wärmer würde. Anders sieht es laut der Zeitschrift «Der Spiegel» Adam Scaife, Klimatologe vom britischen Hadley-Zentrum: «Das könnte mit einem regelrechten Ruck gehen.»

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