VON PATRIK MÜLLER

Die Jugend hatte schon immer einen schlechten Ruf. Der griechische Philosoph Aristoteles schrieb vor fast 2500 Jahren: «Die Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.» Zurzeit ist der Ruf wieder einmal ganz besonders schlecht. Es wird links und rechts am Nachwuchs herumgemäkelt: Die 68er-Generation findet, die Jugend sei angepasst, spiessig und politisch desinteressiert. Konservative wiederum kritisieren den angeblichen Wertezerfall und fehlenden Leistungswillen.

Das Jugendbarometer der Credit Suisse, das erstmals erhoben worden ist, widerlegt nun viele dieser Klischees – vor allem den Kulturpessimismus der Traditionalisten. Die wichtigsten Schlussfolgerungen der repräsentativen Umfrage bei 16- bis 25-Jährigen, die dem «Sonntag» vorliegt:

Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft. Nur 10 Prozent sind voll damit einverstanden, dass ihnen die Freizeit wichtiger als Beruf oder Ausbildung sei. 73 Prozent stimmen der Aussage zu: «Ich will im Beruf Karriere machen.» Dieser hohe Wert ist überraschend. Noch mehr Jugendliche sagen von sich: «Ich bin sehr flexibel, was meine Arbeit betrifft.» Das werden die Arbeitgeber gern hören. Fast die Hälfte der Befragten wünscht, sich später einmal selbstständig zu machen.

Zufriedenheit und Internationalität. Die «No future»-Generation scheint von gestern zu sein. 76 Prozent sagen zu ihrer Ausbildungs- oder Berufssituation: «Ich bin mit meiner aktuellen Situation glücklich.» 81 Prozent sind bereit, sich lebenslang weiterzubilden, grösstenteils würden sie auch einen Auslandaufenthalt machen, wenn dies die Berufschancen verbessert. Und am liebsten würden sie in einem internationalen Unternehmen wie Google arbeiten.

Hoher Stellenwert der Lehre.Hervorragend schneidet in der Umfrage die Berufslehre ab. Politikern, die vor allem die Maturitätsquote erhöhen möchten, müssten die Ergebnisse zu denken geben. Denn die Jugendlichen halten die Lehre für den Königsweg. 77 Prozent stimmen der Aussage zu, die Lehre sei der Türöffner für Karriere und Weiterbildung.» Nur 14 Prozent sind voll damit einverstanden, dass ein Universitätsstudium die beste Grundlage für eine Karriere sei.

Schlechtes Zeugnis für die Schule. Die Befragten, welche die obligatorische Schule hinter sich haben, beurteilen deren Leistung sehr kritisch. Nur 6 Prozent sind voll und ganz zufrieden mit der Schule. 59 Prozent aber sind der Ansicht, die Schule bereite nicht gut auf die Berufswelt vor.

Während die Einstellung zu Arbeit und Bildung auf konservativen Werten beruht, zeigt sich in gesellschaftspolitischen Fragen ein eher fortschrittliches Bild. Karriere und Familie schliessen sich aus Sicht der Jugend nicht aus. Und die Frau soll nicht einfach am Herd stehen:

Gleichberechtigung:64 Prozent der Jugendlichen halten es für «in», wenn sich die (Ehe-)Partner die Erziehungsarbeit teilen. Ebenso sei es «in», sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einzusetzen.

Kinderwunsch: Bereits im Alter von 16 bis 25 wissen 52 Prozent, dass sie später einmal Kinder haben möchten. Kinder zu haben, sei im Trend, finden die Jungen. Nur 10 Prozent finden es «out», Kinder zu haben, und wollen selber auch keine.

Kein ungezügelter Sex: Die Erben der 68er wollen offenbar die sexuellen Freiheiten gar nicht in dem Mass ausnutzen, wie es heute möglich wäre. Nur 33 Prozent der Jugendlichen möchten «zu vielen sexuellen Erlebnissen kommen».

Die Widersprüche aus der Umfrage – mal kommen konservative, mal progressive Ansichten zum Ausdruck – lassen sich gemäss dem Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof einfach auflösen: «Letztlich haben die jungen Menschen vor allem ein grosses Sicherheitsbedürfnis. Das steht über allem», sagt er. «Sie nehmen die Welt als Leistungsraum wahr, in dem sie sich bewähren müssen.» Der Leistungswille und die Bereitschaft, sich lebenslang weiterzubilden, seien wohl nicht ganz freiwillig: «Die Jungen fühlen sich unter Druck, sich in der globalisierten Welt durchzusetzen.»

Sicherheit würden sie auch im Privatleben suchen, so Imhof. Um die Beziehung stabil zu halten, investiere der Mann immer mehr Zeit in die Familienarbeit. «Obwohl er meistens Vollzeit arbeitet, hat seine Mitarbeit in Familie und Haushalt massiv zugenommen. Die Frauen hingegen arbeiten noch immer vor allem Teilzeit.»

Imhof sieht die Umfrageergebnisse auch in seinem Berufsalltag an der Universität bestätigt. «Früher haben die Studierenden die Verschulungstendenzen vehement bekämpft, heute wünschen sie sich klare Strukturen und Vorgaben. Auch an der Uni hat sich das Sicherheitsbedürfnis intensiviert.»

In dieses Bild passen die Resultate des Jugendbarometers zum Thema Geld. 85 Prozent wollen später ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung besitzen. 71 Prozent geben an, regelmässig zu sparen, und fast ebenso viele haben sich zum Ziel gesetzt, später einmal ein Vermögen zu haben. Kurt Imhof dazu: «Man will seine Leistungsfähigkeit gegen aussen manifestieren – wer sich ein Haus leisten kann, hat sich bewährt.»

Allerdings gibt es auch eine beachtliche Minderheit von Jugendlichen, die in der Leistungsgesellschaft Mühe haben. So sagt jeder zehnte Jugendliche, er habe finanzielle Verpflichtungen, die eine grosse Belastung für ihn darstellten. Dabei geht es vor allem um Schulden gegenüber Bekannten und der Familie (12 Prozent aller Jugendlichen haben solche Schulden), gegenüber einem Handyanbieter (6 Prozent) oder um Schulden aus einem Leasing-Vertrag für ein Auto (4 Prozent).

Das mögen zwar kleine Prozentzahlen sein, in absoluten Zahlen bedeutet dies aber, dass Zehntausende von Jugendlichen sich verschuldet haben, um ihren Lebensstil zu finanzieren. Das deckt sich mit aktuellen Aussagen von Schuldenberatungsstellen, die mehr Anfragen von Jugendlichen erhalten.

Demnach sind vor allem Handy-Schulden ein grosses Problem. Das überrascht nicht, denn gemäss dem Jugendbarometer ist nichts so «in» wie Kommunikation und SMS. Wer dazugehören will, der braucht ganz offensichtlich ein Handy – um jeden Preis.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!