Ein Tipp brachte den «SonntagsBlick» auf die heisse Spur. Eigentlich wollte Ex-CVP-Präsident Christophe Darbellay geheim halten, wer am Dienstag vergangener Woche im Berner Salem-Spital das Licht der Welt erblickte. Ein Anruf des Ringier-Blatts durchkreuzte seine Vertuschungs-Pläne jedoch jäh.

Stattdessen wurde daraus am vergangenen Wochenende eine Story, wie sie im Boulevard-Lehrbuch stehen könnte: Ein prominenter katholischer Familienpolitiker («Wer unter CVP-Flagge segelt, muss ein Minimum an CVP-Werten mittragen») wird zum vierten Mal Vater, allerdings ohne Beteiligung seiner Ehefrau. Entsprechend genüsslich stürzten sich die Medien auf den Fall: «CVP-Darbellay ging fremd», «Darbellay beichtet Vaterschaft», «Baby nach Affäre» – kein Medium ausser den SRG-Kanälen verzichtete darauf, diese höchst pikante Enthüllung zu vermelden.

Dass Darbellays Seitensprung-Beichte via «SonntagsBlick» trotzdem eher als Lehrbeispiel für eine maximalstmögliche Schadenbegrenzung in die Mediengeschichte eingehen wird, ist – so paradox dies im ersten Moment klingen mag – der glücklichen Fügung geschuldet, dass dem prominenten Spitzenpolitiker mit Ambitionen auf einen Sitz in der Walliser Regierung ein Medium der «Blick»-Gruppe auf die Schliche kam.

Bis aufs Äusserste strapazierte Intimsphäre von Darbellays Frau
Nehmen wir einmal an, der «Walliser Bote» hätte als erstes Medium von Darbellays ausserehelicher Vaterschaft erfahren und berichtet. Daraufhin wären nicht nur – wie geschehen – alle Medien von «Tages-Anzeiger» bis «NZZ» aufgesprungen, sondern – wie nicht geschehen – auch der «Blick».

Tagelang hätte das Ringier-Blatt diese Story ausgeschlachtet, mindestens fünf Zentimeter gross wären die Buchstaben auf der Titelseite gewesen, alles illustriert mit halbseitig gedruckten Bildern der medial inszenierten Hochzeit des Ehepaars Darbellay im Juli 2007 und garniert mit Zitaten, in denen Darbellay die Intimsphäre seiner Florence («fünf Fehlgeburten») bis aufs äusserste strapazierte. Selbst Fotos von Darbellay mit seinen Kindern auf den Armen wären dem Boulevard-Blatt zur Verfügung gestanden, von den Fotos des Ehepaars im Ehebett gar nicht zu reden.

Herausgekommen ist alles anders – den Umständen entsprechend glimpflich für Darbellay. «Für einen Politiker, der sein Privatleben öffentlich zugänglich gemacht hat wie kaum ein Zweiter im Land, ist Christophe Darbellay mit einem blauen Auge davongekommen, zumindest medial», sagt Peter Rothenbühler, der als ehemaliger Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» als Erfinder des People-Journalismus gilt. Darbellay habe alles richtig gemacht: «Er ist in die Offensive und hat die Geschichte klein gehalten, bevor sie zu einer tagelangen Kampagne auswachsen konnte. Bis zu den Walliser Staatsratswahlen in einem Jahr dürfte wieder Gras über die Affäre gewachsen sein.»

Tatsächlich hätte es für Darbellay fast nicht besser laufen können: Statt dass seine unfreiwillige Vaterschaft am letzten Sonntag zur Hauptschlagzeile geworden ist, fand sich nur ein kleiner Anriss am unteren rechten Rand des «SonntagsBlick»-Titelblatts («Baby nach Seitensprung!»). Im Innern der Zeitung statt der Bilder von Ehe- und Kinderglück ein 08/15-Bild von Darbellay, geschossen von der Fotoagentur Keystone. Tags darauf im «Blick»: kein Wort auf der Front zur Affäre Darbellay. Stattdessen auf Seite 3 ein Mini-Artikel, der im Wortlaut praktisch identisch war mit dem Bericht am Vortag im «SonntagsBlick». Und seither: keine einzige weitere Zeile mehr.

Der Anwalt holte für Darbellay wohl das Maximum heraus
Dahinter steckt ein Deal, den der eiligst von Darbellay herangezogene Zürcher Medienanwalt Andreas Meili dem «SonntagsBlick» abgerungen hat. Um die Geschichte ohne juristisches Risiko zur Publikation bringen zu können, liess sich der Ringier-Sonntagstitel darauf ein. Im Tausch gegen freigegebene Zitate tiefer Reue («schwerer Fehler») inklusive Entschuldigung bei Frau, Familie, Freunden und seinen Wählern sowie eines Zitats der Fürsorge («Noch vor dessen Geburt habe ich das Kind offiziell anerkannt»), verpflichtete sich die «Blick»-Gruppe dazu, die Geschichte ohne Seite-1-Aufmacher zu publizieren, auf jegliche Bilder aus Darbellays Privatleben zu verzichten und keinerlei Folge-Geschichten zu recherchieren. Damit, so heisst es informell bei Ringier, habe Anwalt Meili für seinen Mandanten wohl das maximal Mögliche herausgeholt. Während die einen den beteiligten Journalisten ein Kränzchen winden, trotz erheblichem juristischem Widerstand, die Geschichte ins Blatt gebracht zu haben, sind andere im «Blick»-Newsroom nicht besonders glücklich über den Deal. Kritisiert wird intern, damit habe man sich zwar den Primeur gesichert, die Klicks mit reich bebilderten Nachfolge-Geschichten habe dann aber die Konkurrenz geholt.

Politische Haltung und private Handlung im Widerspruch
Fraglich ist allerdings, ob eine Publikation ohne Einwilligung von Darbellay – dem spätestens durch die recherchierenden «SonntagsBlick»-Journalisten klar geworden sein muss, dass die Geschichte ohnehin irgendwann publik werden wird – überhaupt möglich gewesen wäre. Die Affäre so oder so platzen zu lassen, hätte für Ringier durchaus juristische Folgen nach sich ziehen können. So hat zum Beispiel die Zürcher Medienanwältin Rena Zulauf diese Woche gegenüber dem Onlineportal «persönlich.com» in der Affäre Darbellay die Meinung vertreten, Seitensprünge gehörten ausnahmslos der Privatsphäre an: «Es gibt kein öffentliches Interesse an der Moralisierung eines Seitensprungs einer exponierten Person.»

Demgegenüber steht die medienethische Praxis, dass Privates prominenter Politikerinnen und Politiker dann öffentlich relevant wird, wenn sich zwischen politischen Haltungen und privaten Handlungen Widersprüche zeigen – im Volksmund auch unter dem Sprichwort «Wasser predigen und Wein trinken» bekannt. Diesen Tatbestand sieht Medienprofi Peter Rothenbühler in der Affäre Darbellay erfüllt: «Wer moralische Fragen zur politischen Message macht, muss seine Moral auch öffentlich messen lassen.»

So gesehen, hat Anwalt Meili das Baby für Darbellay wohl tatsächlich ganz gut geschaukelt, wenn auch nicht perfekt: Weil der Deal nur die «Blick»-Gruppe und nicht alle Ringier-Medien betraf, konnte die «Schweizer Illustrierte» am Donnerstag genüsslich aus öffentlichen Blog-Beiträgen der Kindsmutter zitieren – gross auf der Titelseite aufgemacht mit der Schlagzeile: «Affäre Darbellay: Das Tagebuch seiner Geliebten». Darauf reagierte Meili am Freitag bei diversen Medien per E-Mail mit einer präventiven Androhung rechtlicher Schritte bei weiterer Berichterstattung.

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