Skandal in eigener Sache

Wie bewältigen Medien eigene Skandale? In Grossbritannien und in den USA entschuldigt man sich – auf dem europäischen Kontinent zieht man es vor, zu verharmlosen.

Nehmen wir an: Die Fernsehsendung «10 vor 10» berichtet in einem Beitrag über einen schweren Fall sexuellen Missbrauchs und brandmarkt dabei einen SVP-Nationalrat als Täter, der es aber eindeutig nicht war.

Nehmen wir weiter an: SRG-Generaldirektor Roger de Weck wird durch Radio DRS 4 dazu scharf befragt, er weiss aber nicht genau, warum dieser Beitrag ohne jede Gegenkontrolle ausgestrahlt wurde. Würde de Weck wegen dieses Versagens zurücktreten?

Wohl kaum. Die SRG würde allenfalls den verantwortlichen Journalisten versetzen und die internen Kontrollen verstärken. Der Sendeleiter, der Chefredaktor, der Radio- und Fernsehdirektor und der Generaldirektor würden aber im Amt bleiben.

Ganz anders in Grossbritannien: Dort ist just nach einem solchen Vorfall George Entwistle, der Generaldirektor der BBC, unverzüglich zurückgetreten. Was ist anders?

Keine Frage, dass das, was die BBC gerade erschüttert, als Skandal empfunden wird: Ein langjähriger populärer Moderator des Senders hatte offenbar Hunderte von Frauen und Kindern missbraucht, teilweise auf dem Gelände der BBC. Ein investigativer Film über die Untaten dieses Moderators, den die Sendung «Newsnight» ausstrahlen wollte, wurde durch Vorgesetzte unterdrückt.

Die gleiche Sendung «Newsnight» bezichtigte im Bericht über einen anderen Missbrauchsfall einen konservativen Politiker, der Täter zu sein, doch die BBC musste hinterher zugeben, dass die Anschuldigung falsch war. Und der Generaldirektor wusste nicht ausreichend Bescheid, warum dieser Film ohne genaue Überprüfung aller Quellen gesendet wurde.

Die BBC erlebt einen veritablen Medienskandal. Von einem Medienskandal kann dann gesprochen werden, wenn ein Medium in der ureigenen Aufgabe versagt, zuverlässig, wahr und fair zu berichten und die Regeln journalistischer Ethik nicht absichtlich oder fahrlässig grob zu missachten.

In der Wissenschaft wird zwar der Begriff Medienskandal auch für Vorfälle verwendet, die die Bereiche Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport oder Gesellschaft betreffen, die aber vor allem darum als Skandale gelten, weil die Medien Öffentlichkeit hergestellt und die Spirale weitergedreht haben, wie beispielsweise in den Fällen Nef, Zuppiger, Hildebrand, Guttenberg, Wulff oder Fifa. Doch bleiben wir bei den Medienskandalen im engeren Sinn: Es gibt sie immer wieder.

So ist das deutsche Magazin «Stern» 1983 auf einen Fälscher hereingefallen und hat angebliche Hitler-Tagebücher veröffentlicht. Der Kölner «Express» hat 1988 mit den Gladbecker Geiselnehmern paktiert. Deutsche Fernsehsender haben über 20 gefälschte Dokumentarfilme von Michael Born ausgestrahlt. Das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» und das des «Tages-Anzeigers» haben Interviews gedruckt, die Tom Kummer mit prominenten Personen nie geführt hat.

Wiederum gefälschte Interviews erschienen 2010 in verschiedenen Blättern des Dumont-Schauberg-Verlags, in «Neon» und im «Tages-Anzeiger». Die «Washington Post» publizierte 1981 eine Reportage der Journalistin Janet Cook, die dafür den Pulitzer-Preis erhielt, aber nachher der Fälschung überführt wurde. Und die «New York Times» entdeckte 2003, dass in ihren Spalten zahlreiche gefälschte Geschichten von Jayson Blair erschienen waren, die sich auf unterschiedlichen Schauplätzen abspielten, derweil der Autor nie sein Büro verliess.

«SonntagsBlick» und «Blick» skandalisierten 2002 das Privatleben des Berlin-Botschafters Thomas Borer. Die Zeitschrift «Bunte» liess 2010 durch eine Recherchierfirma das Privatleben der Politiker Franz Müntefering und Oskar Lafontaine ausspionieren. Die Zeitung «News of the World» von Rupert Murdoch hatte in Grossbritannien Polizisten bestochen, Politiker erpresst, private Handys überwacht. Weitere Fälle, auch aus Frankreich, Österreich und Italien, wären mühelos anzufügen.

Was tun Medien, die sich skandalös verhalten? Normalerweise versuchen sie – wie Politiker oder Unternehmer auch – den Fehler zu vertuschen oder zu verharmlosen. Während aber Politiker und Unternehmer sogleich in die Zange genommen werden, verläuft der Mechanismus bei den Medien weniger einheitlich. Denn liegt ein politischer Skandal vor, so reagieren die Medien stets rasch und heftig, und oft wird eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt. Liegt ein Wirtschafts-Skandal vor, treten nicht nur die Medien auf den Plan, sondern meist auch der Verwaltungsrat oder die Aktionärsversammlung des betroffenen Unternehmens.

Bei einem Medienskandal ist der Ablauf indes nicht einheitlich: Manchmal reagieren die Konkurrenzmedien (aber keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus), manchmal reagiert das Publikum, manchmal befassen sich hinterher Kontrollgremien damit – in der Schweiz beispielsweise der Presserat, die unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen oder die Wettbewerbskommission. Doch nur selten – ganz anders als in der Politik oder in der Wirtschaft – kommt es zu Rücktritten und Entlassungen.

Jedenfalls auf dem europäischen Kontinent. Hier herrscht im Vergleich zu Grossbritannien, aber auch zu den USA, eine andere Medienkultur. In der kontinentaleuropäischen Medienkultur ist die Selbstregulierung nur mittelmässig entwickelt. Es gibt wenig Mechanismen, die sofort wirken, zumal beispielsweise Presseräte erst lange hinterher zum Zuge kommen.

Es existiert wenig Transparenz, was in den Medienhäusern eigentlich vor sich geht. In der amerikanischen Medienkultur hingegen ist es selbstverständlich, dass sich Medien nach groben Fehlern öffentlich entschuldigen und dass die Systeme der Ombudsleute und der Korrekturspalten für Rechenschaft gegenüber dem Publikum sorgen.

Grossbritannien wiederum tickt «kontinentaleuropäisch» im privaten Sektor und «amerikanisch» im Service-public-Sektor: Die Murdoch-Boulevardjournalisten, korrupt bis über die Ohren, schreckten vor keiner illegalen Aktion zurück. Die BBC hingegen stellt nach jedem Skandal sofort die publizistische Hygiene wieder her. Sie tut es, weil sie unbedingt ihre Unabhängigkeit beweisen will.

Dies geht nur, wenn sie nach allen Seiten kritisch bleibt, auch gegenüber dem eigenen Haus.
Es muss nicht jedes Mal der oberste Chef zurücktreten. Aber die kontinentaleuropäischen Medien haben mit dem Defizit zu kämpfen, dass sie die Kultur der Kritik gegenüber dem eigenen Haus nicht kennen.

* Roger Blum ist Journalist und emeritierter Professor für Medienwissenschaft der Universität Bern. Er lebt in Köln.

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