VON FELIX STRAUMANN

Das iPhone 4, das im Juli auf den Schweizer Markt kommen soll, versetzt Anhänger von gestylten Technik-Spielereien einmal mehr in Aufregung. Weniger als einen Zentimeter dick, ein deutlich besserer Bildschirm und ein neues Betriebssystem, das auch eingeschränktes Multitasking ermöglicht: Gadget-Fans freuts.

Für Kulturpessimisten ist das Smartphone jedoch nur ein weiteres Gerät, das uns von dem ablenkt, was wir eigentlich tun wollten oder zumindest sollten. Sie warnen schon seit einiger Zeit davor, dass wir wegen E-Mail, SMS, Handy und Facebook immer mehr Dinge gleichzeitig tun wollen. Was zum Scheitern verdammt ist, denn wie Wissenschafter festgestellt haben, funktioniert echtes Multitasking nicht.

Doch gilt dies nicht für alle, wie zwei amerikanische Psychologen kürzlich herausgefunden haben. Supertasker nennen Jason Watson und David Strayer von der Universität Utah die seltene Spezies Mensch, die tatsächlich zwei Dinge gleichzeitig tun kann. Rund jeder Vierzigste soll diese Fähigkeit haben, wie die Forscher in der neusten Ausgabe des Fachblatts «Psychonomic Bulletin and Review» schreiben.

Auf die Supertasker stiessen Watson und Strayer, als sie mit 200 Personen die Multitasking-Situation par excellence testeten: Autofahren und gleichzeitig telefonieren. Die Versuchspersonen mussten einen Fahrsimulator bedienen und sich gleichzeitig, über eine Freisprechanlage telefonierend, Wörter merken oder mathematische Aufgaben lösen. Dies überforderte erwartungsgemäss die Testpersonen – ausser die Supertasker. Bei ihnen waren durch die Doppelbelastung weder Fahrverhalten noch intellektuelle Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Das Fahren schien ihnen das Wörtermerken sogar zu erleichtern.

«Gemäss Theorie dürften diese Individuen gar nicht existieren», so Watson. Für sie sollte eigentlich gelten wie für 97,5 Prozent der Probanden. Diese waren 20 Prozent langsamer, wenn sie plötzlich auf die Bremse treten mussten. Zudem sankt ihre Gedächtnisleistung um 11 Prozent und die Rechenleistung um 3 Prozent. Watson warnt denn auch davor, dass jetzt jeder das Gefühl hat, selber ein Supertasker zu sein und dies als Freipass für Telefongespräche während des Autofahrens zu verstehen.

«Wir wollen nun verstehen, was Supertasker super macht», sagt David Strayer gegenüber dem «Sonntag». Dazu haben er und Watson soeben eine Serie von Hirnscan-Messungen abgeschlossen. Vorläufige Resultate deuteten darauf hin, dass es im Gehirn tatsächlich Unterschiede gebe, so Strayer. Die Forscher untersuchen zudem die Gehirne von F-16-Kampfpiloten. «Es scheint, dass diese ebenfalls wie Supertasker funktionieren», sagt Strayer. Und Durchschnittsmenschen, können sie sich diese Fähigkeiten aneignen? Strayer ist skeptisch: «Wir vermuten, dass es eine genetische Basis braucht, um ein Supertasker zu werden.»

Für die grosse Mehrheit der Menschen ist echtes Multitasking hingegen nicht möglich. «Zwei gleichzeitige Reize können wir nicht gleichzeitig verarbeiten», sagt Iring Koch, Psychologieprofessor an der Technischen Hochschule Aachen. Möglich ist hingegen Multitasking, wenn mehrere Tätigkeiten parallel über einen längeren Zeitraum verrichtet werden: Einen Text verfassen, über Facebook Statusmeldungen lesen, auf dem Smartphone E-Mails checken und im Grossraumbüro Gespräche mithören.

«Der Wechsel zwischen den einzelnen Tätigkeiten hat gewaltige Leistungseinbussen zur Folge», weiss Koch. In Experimenten zeige sich, dass es auf diese Weise 10 bis 30 Prozent länger dauere, als wenn man die Aufgaben einzeln nacheinander gelöst hätte. Zudem verdopple sich die Fehlerzahl, so Koch. «Im Alltag fällt dies meistens gar nicht auf, weil es nicht so genau gemessen wird.»

Dass dabei neue Geräte wie das iPhone die Situation weiter verschärfen, liegt auf der Hand. «Die neuen Technologien geben uns mehr Möglichkeiten, was unser Zeitmanagement deutlich schwieriger macht», sagt Cornelius König, Arbeitspsychologe an der Uni Zürich.

Vor allem die Schnelligkeit der neuen Möglichkeiten verleite uns dazu, wichtige langfristige Tätigkeiten zu vernachlässigen. «Man muss sich abgrenzen», so Psychologe König. Dann hätten die neuen Technologien auch unbestreitbare Vorteile. «Sonst würden sie sich auch nicht durchsetzen.»

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