VON CAECILIA SMEKAL AUS WIEN

Viel Aufregung hat sie ausgelöst, die Kunstaktion des Schweizers Christoph Büchel. Von Gangbangs war die Rede, von unmoralischen Orgien im altehrwürdigen Kunstgebäude und vom inszenierten Sexskandal. Und aufregend war es auch, in den Swingerclub Element6 zu gehen, der sich für die kommenden Wochen am Wiener Naschmarkt eingemietet hat. Ich war mir nicht sicher, was ich dort zu suchen hatte und ob ich mich trauen würde, tatsächlich einen Blick zu riskieren.

Und mit diesem Gefühl startete dann auch der Abend: gegen 23.30 Uhr mit unsicherem Herumgedrücke vor dem Kellereingang. Ich war aber längst nicht die Einzige. Etwa vier kleine Grüppchen von Nachtschwärmern, angezogen durch die Medienberichte, drückten auch. Als sie sich zur Tür wagten, wurden sie von einem freundlichen Sicherheitsmann empfangen. Sie machten wieder kehrt. Ich vermute, als sie den Eintrittspreis erfuhren: Single-Männer zahlen nämlich 36 Euro pro Person. Ich bin samt Begleiter für heisse 15 Euro hineingekommen, Frauen zahlen für den Solo-Eintritt in die Lasterhaftigkeit 6 Euro.

Das langsam hochkommende Herzklopfen an der Garderobe überwunden, endlich geschafft: Mitten im derzeit anstössigsten Etablissement Wiens angekommen. Was auf dem Fusse folgte, war die Ernüchterung: eine kleine Bar, eine kleine Bühne, Sitzlandschaften, auf denen sich – rein gar nichts abspielte.

Schnell was zu trinken geholt und sich hingesetzt. Man will ja nicht auffallen, obwohl ich das Gefühl habe, dass an diesem Tag nur Schaulustige anwesend sind, die unter Swingen noch die Musikrichtung verstehen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein, denkt man.

Der DJ mit dem roten Aufreisserhemd ist um die fünfzig und semi-gut drauf, gespielt werden Falco und Tito und Tarantula, gespickt mit mehr oder minder witzigen Dorfdisco-Sprüchen. Hm, was nun? Mal einen Rundgang wagen. Den Eingangsraum mit erotischen Kitschbildern durchquert, kommt die Suchende in den Raucherbereich (ja, das gibt es auch) und dann ins «Kaminzimmer». Dort sitzen nette Menschen Marke Otto Normalbürger rund um einen Bildschirm mit Multimediaflammen herum und unterhalten sich wirklich über Kamasutra-Praktiken und das Wiener Radwegenetz.

Dahinter verbirgt sich dann der erste anrüchige Anblick des Abends: die Sadomaso-Kammer. Schlecht beheizt, aber wozu soll sie auch gemütlich sein. Das Zimmer vereint die Klischees einschlägiger Gedanken: ein Betstuhl, ein Fesselkreuz, ein Gynäkologenstuhl.

Na ja. Nicht sehr berauschend, aber immerhin, sich hinein- getraut, um dort zu verweilen, hat sich während meines Besuches niemand, geschweige denn, um lustvoll tätig zu werden. Überhaupt sieht man keine kopulierenden Alltagsflüchtlinge, keine hemmungslos unkeuschen Orgien, nicht einmal gegrapscht wird. Weder öffentlich noch soweit ich sehen konnte heimlich. Die Atmosphäre ist recht entspannt, man fühlt sich nicht schmutzig oder fehl am Platz. Das Personal ist freundlich, die Sitz- und Liegegelegenheiten sind einladend. Nur langsam dämmert es, dass es die Aufregung nicht wert war.

Der Frauenanteil der Besucher liegt etwa bei dreissig Prozent, die Männer sind überwiegend Schnauzbartträger mittleren Alters. Nach Mitternacht füllt sich der Laden etwas, und langsam kommen auch «echte» Swinger: Pärchen und Single-Männer, bei denen man merkt, dass sie eindeutig auf Brautschau sind. Es ist beim weiteren Rundgang jedenfalls nicht schwer, Kontakte zu schliessen.

Als ich endlich zu den Separees gelange (Benutzung bei Konsumation ab 20 Euro erlaubt), werde ich innerhalb einer Flurbewanderung dreimal angesprochen. Man hört ein schüchternes «Hallo» und geht weiter. Bei der Besichtigung eines der stillen Kämmerlein, die mit Polsterwerk und Kleenex-Boxen ausgestattet sind, vernimmt man ein hoffnungsvolles «Noch ist es leer hier». Langsam komme ich darauf, dass ich Blickkontakt meiden sollte, um unangenehme Situationen zu verhindern. Die Männer sind hier, um abzuchecken, was geht, und wollen die weibliche Bereitschaft testen. Ich vermute, es würde sie abtörnen, wenn ich sagen würde: «Ich bin rein beruflich hier», und verkneife mir das.

In den Separees ist alles vorhanden, was das voyeuristische Herz begehrt: Bettenlandschaften, umringt von Spiegeln aller Art, Vorhänge und Blickfenster in alle Richtungen. Die grosse Leinwand zeigt Pornofilme, die man sich auswählen kann. Lieber hart oder zart? Es gibt auch eine Sauna, die allerdings nur Staffage ist. Und überall riecht es nach Tischlerarbeit, ein Hinweis darauf, dass man doch in der Secession ist und eben nicht in einem echten «Sündenpfuhl».

Das vermeintliche Highlight des Abends war die Bondage-Show. Ein glatzköpfiger und tätowierter Mann in schwarzem Outfit knotet und knebelt etwa zwanzig Minuten an einer Frau im Latexanzug herum, bis sie verschnürt in der Luft hängt. Verhaltener Applaus. Ein letzter Versuch des DJs, die Stimmung anzuheizen: «Ja, meine Damen und Herren, man darf nicht vergessen, das hat doch etwas mit Sex zu tun!» Danke, darauf wäre ich nicht gekommen. Ein Leitspruch für den Abend, zur Erinnerung, wozu man eigentlich da war. Nach etwa eineinhalb Stunden gebe ich den Abend verloren und steuere die Garderobe an.

Wenigstens kann man jetzt sagen, man war schon mal in einem Swingerclub. Immerhin. Dieses Resultat scheint auch das Ziel der Veranstalter zu sein. Doch in früheren durchzechten Nächten in Wiens verworrenem Nachtleben gabs oft mehr zu sehen.

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