Schweizer TV-Kunden droht Verlust von ORF

Möglicherweise in der Schweiz bald nicht mehr zu empfangen: ORF-Übertragungen. Foto: Keystone

Möglicherweise in der Schweiz bald nicht mehr zu empfangen: ORF-Übertragungen. Foto: Keystone

Österreich verschlüsselt Sender – und sperrt damit die Schweizer aus.

Es gibt Fernseh-Momente, die bietet nur das ORF. Wenn unsere Nachbarn eine Ski-Abfahrt gewinnen, ihr FC Salzburg gegen den FC Basel verliert oder dienstags die Late-Night-Show «Willkommen Österreich» über die Bildschirme flimmert, geniessen Tausende Schweizer den Charme des österreichischen Rundfunks. Bei den 15- bis 49-Jährigen haben ORF 1 und ORF 2 hierzulande einen Marktanteil von 3,2 Prozent. Ebenfalls in vielen Kabelnetzen verbreitet werden die Sender ORF III, ORF Sport+ und die Privatsender von ATV und Puls 4. Damit könnte nun Schluss sein. Die Verbreitung österreichischer Sender in der Schweiz ist gefährdet.

Dass Sender wie ORF oder ATV in der Schweiz überhaupt verbreitet werden dürfen, ist einer europaweit einzigartig liberalen Regelung zuzuschreiben. In den meisten europäischen Ländern ist die Verbreitung ausländischer Sender in Kabelnetzen nur in sogenannten Overspill-Gebieten erlaubt, also nur in grenznahen Orten, in denen die Sender auch terrestrisch empfangen werden können. In der Schweiz dürfen ausländische Sender, die irgendwo auf Schweizer Gebiet ohne Umgehung einer Verschlüsselung auf irgendeine Art empfangen werden können, jedoch landesweit eingespeist werden.

Das hat dem Land eine grosse Sendervielfalt eingebracht. Neben allen deutschen Sendern werden etwa auch alle wichtigen italienischen, französischen oder britischen Sender in hiesigen Netzen verbreitet, weil sie entweder an der Grenze über die Luft oder per Satellit empfangen werden können. Diese Praxis wurde 2007 vom Bundesgericht abgesegnet, das eine Beschwerde der BBC abwies, die dem Zürcher Kabelnetzbetreiber GGA Maur die Verbreitung einiger ihrer Sender verbieten wollte.

Die beiden grössten Schweizer Fernseh-Anbieter Swisscom und UPC Cablecom geben an, ihr ORF-Signal terrestrisch zu beziehen, und zwar aus dem Südtirol. Ist dem tatsächlich so, können die Schweizer TV-Kunden zumindest bezüglich der beiden ORF-Sender aufatmen. Im Südtirol werden diese bis auf weiteres terrestrisch, unverschlüsselt und in HD-Qualität verbreitet. Nur: Der ORF selbst bringt Zweifel an dieser Version an. Technisch, sagt ein ORF-Sprecher, halte man dies für «sehr unrealistisch» – womit sich die Frage nach alternativen Empfangsmöglichkeiten stellt. Österreichische Sender können bisher auch aus anderen Grenzregionen angezapft werden, etwa aus dem Vorarlberg. Diese Lücke schliesst sich aber. In ganz Österreich wird die terrestrische Verbreitung von TV-Sendern mit der Umstellung vom digitalen Standard DVB-T auf den Nachfolger DVB-T2 verschlüsselt. ORF 1 und ORF 2 sollen zwar nach dem Willen des ORF weiterhin unverschlüsselt verbreitet werden, allerdings nicht in HD-Qualität, und die Genehmigung dieser Pläne steht aus.

Bereits klar scheint, dass Schweizer in Zukunft auf Sender wie ORF III und ATV verzichten müssen. Diese werden nämlich im Südtirol nicht verbreitet, und ihre Verschlüsselung soll folgen. Swisscom und Cablecom wiegeln ab und geben an, ORF- und ATV-Sender weiterhin anbieten zu wollen. Welche Konsequenzen die Verschlüsselung habe, könne momentan noch nicht genau abgeschätzt werden, sagt ein Cablecom-Sprecher. Die Situation wird von beiden Anbietern nun «genau beobachtet».

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