Eine Drehung, ein Schuss, ein Tor. Das 1:0 des deutschen Mario Gomez gegen die Holländer war bisher die Szene der Europameisterschaft. Nicht, weil der technisch limitierte Stürmer den Ball mit einer Eleganz mitnahm, wie es einst nur der französischen Legende Zinédine Zidane gelang, sondern weil es keine Szene gab, die von mehr Schweizerinnen und Schweizern gesehen wurde (Stand 14.Juni).

764000 Zuschauer verfolgten am Mittwochabend das Spiel der beiden Fussballgiganten in Charkow und bescherten SF2 damit einen Marktanteil von 43,4 Prozent. Ein toller Wert für diese EM – ein mieser im Vergleich zu den vergangenen Turnieren 2006, 2008 und 2010. Einige Spiele der Schweizer Nati sahen damals über 1,5 Millionen Zuschauer. Der Marktanteil betrug 75 Prozent. Damit fieberten 3 von 4 Schweizern vor dem TV mit unseren Fussballhelden mit. Besonders die EM 08 im eigenen Land bescherte dem SF Traumquoten.

Mehr EM-Lust kommt diesen Sommer in den Public-Viewing-Arenen auf. Diese werden an schönen Tagen überrannt. Das liegt vor allem an unseren nördlichen Nachbarn. «Die Deutschen möbeln uns die EM-Stimmung auf», schreibt «20 Minuten online», und füllen so die Kassen der Wirte. Die rund 300 000 in der Schweiz lebenden Deutschen schauen die Spiele ihrer Elf aber auch gerne auf ARD oder ZDF. So sahen 149 000 in der Schweiz lebende Fussballfans die Partie Deutschland gegen Holland nicht auf SF 2, sondern auf ZDF.

Doch nicht nur die deutschen Sender luchsen dem SF Zuschauer ab. Mittlerweile verfügen über eine Million Schweizer über Digital TV mit rund 150 Sendern, von denen einige auch die EM übertragen. Ein schwacher Kommentar des Moderators – schon wird zum nächsten Sender gezappt.

Das Schweizer Fernsehen ist dennoch zufrieden mit den bisherigen Einschaltquoten. «Vor dem Hintergrund, dass die Schweiz nicht an der EM teilnimmt, sind die Zuschauerzahlen sehr erfreulich», sagt SF-Pressesprecher Marco Meroni. Ausserdem hat das SF die Erhebungsmethode der Quoten 2010 geändert, was einen direkten Vergleich erschwert. Doch der Trend ist eindeutig. Die Abwesenheit der Schweizer Stars wirkt sich auch auf die anderen Spiele aus.

Minusrekord bei der EM 2008 war das Spiel Russland gegen Griechenland mit 624 000 Zuschauern – das würde nun für die Top 3 reichen. Die derzeit mangelnde EM-Euphorie zeigte sich am deutlichsten beim Eröffnungsspiel. Lediglich 289 000 schalteten sich zum grossen Turnierauftakt in Warschau ein.

Auch die Internet-Konkurrenz schläft nicht. Wer am Arbeitsplatz die heiss umkämpften Partien sehen will, kann das bequem über Plattformen wie Wilmaa oder Zattoo tun. «Wir stellen während der EM einen starken Anstieg von neuen Usern fest», sagt Wilmaa-Sprecher Michael Loos. Auch die App wird vermehrt heruntergeladen.

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