Zum 70. von Bob Dylan überschlagen sich die Tamedia-Feuilletons. Selbst China würde darin nichts zensurieren», twittert Viktor Giacobbo vom Schweizer Fernsehen. «Doch, ich finde, wenn man mehreren Menschen das gleiche Wichtige sagen will, darf man sich wiederholen», stellt DRS-3-Stimme Franziska von Grünigen fest. Und Thomas Benkö vom «Blick am Abend» «findet es ein wenig befremdlich, wenn sich die #OccupyZurich-Aktivisten am Stauffacher «mit McDonald’s-Food von gegenüber verpflegen».

So und anders twitterten Schweizer Medienschaffende 2011. Das vergangene Jahr haben viele von ihnen den Kurznachrichtendienst entdeckt, auch einige Chefredaktoren: Artur Vogel vom «Bund», David Sieber von der «Südostschweiz», Hansi Voigt von 20min.ch, Patrik Müller vom «Sonntag». Die Journalisten kommunizieren untereinander, aber auch mit Politikern (Cédric Wermuth, Natalie Rickli), Unternehmenssprechern (Christoph Zimmer von Tamedia, Edi Estermann von Ringier), Medienprofessoren (Vinzenz Wyss), Äbten (Martin Werlen) oder Bloggern. Und die Marken werden als Kanäle benutzt: @azmedien, @blickch, @nzz oder @tageswoche reden mit ihren Lesern – andere liefern vor allem Links und Hinweise in eigener Sache (@weltwoche, @tagi, @20min).

Wie Facebook ist Twitter ein soziales Netzwerk: Besonders ist, dass der Umfang auf 140 Zeichen pro Meldung begrenzt ist. Was wie eine unnötige Beschränkung wirkt, macht im Fluss der Nachrichten Sinn. Die Kürze der Mitteilungen macht es möglich, mehr von ihnen zu lesen und das schneller, mobil oder am Laptop. Auch reagieren ist sofort möglich: Weiterverbreiten durch einen Retweet, antworten mit einer Reply, festhalten mit dem Setzen eines Sterns.

Zu vertieften Diskussionen taugt das natürlich nicht, doch zur Kurzinformation oder zur Weiterleitung zu den neusten Storys im Netz (mit verkürzt angezeigten Links) durchaus. Bei so genannten «Breaking News» sprudelt keine Quelle schneller als Twitter. Es ist der Nachrichtenticker der Neuzeit, das haben nun auch viele Journalisten gemerkt.

Jeder, der twittert, kann bestätigen: Ohne dass man es selbst ausprobiert hat, kann man über die Vorzüge und Nachteile dieses Kommunikationsmittels nicht diskutieren. Diskussionen darüber sind so unergiebig wie sinnlos. Es gab schon viele Leute, die jahrelang erzählt haben, dass Golf spielen (wahlweise auch Stricken, Wandern oder Snowboarden) ja wohl das Langweiligste (oder das Einschläferndste, Spiessigste oder Dümmste) überhaupt sei und man sich nicht vorstellen könne, das jemals zu machen – nur, um es wenige Jahre später selbst zu tun.

Ein wichtiger Anstoss zum Boom 2011 unter Schweizer Journalisten waren die bei der «NZZ» und den AZ Medien durchgeführten Twitterschulungen. Nun wird verlagsübergreifend, und, anders als bei Facebook, öffentlich diskutiert unter Journalisten, was der Diskussion über Journalismus eine neue Dimension geöffnet hat. Bei den Tweets rund um die Besitzverhältnisse der «Basler Zeitung» bildete sich dem aufmerksamen Leser das Entstehen und die Weiterentwicklung von Geschichten im Twitter-Stream schon fast ab.

Es dreht sich (noch?) viel um die eigene Branche, doch das ist in der Kaffeeküche nicht anders. Im Idealfall profitieren Popjournalisten von den Tweets der Popmusiker, Wirtschaftsjournalisten von den Tweets der CEOs und Manager, Wissenschaftsjournalisten von den Tweets der Wissenschafter.

Wie die SMS (einer an einen) könnte sich Twitter (einer an viele) weiter durchsetzen. Im September vermeldete das Firmenblog 100 Millionen aktive Nutzer weltweit, mehr als die Hälfte von ihnen loggt sich täglich ein (zum Vergleich: Facebook hat über 800 Millionen aktive Nutzer). Während die Printauflage der Wochentagsausgabe der «New York Times» unter eine Million gesunken ist, erreicht sie mit all ihren Twitter-Konten mehr als 15,8 Millionen Follower.

Aus der Schweiz wird Twitter.com von einigen hunderttausend Leuten besucht. Twitter ist schnell und praktisch, und wenn es zu 90 Prozent mit Banalitäten gefüllt wird, so ist das nicht die Schuld der Technik. Wer unzufrieden ist mit dem, was er in seinem Stream liest, muss sich selbst an der Nase nehmen, denn offenbar folgt er den falschen Leuten. Wie ein Hammer ist Twitter nur ein Werkzeug – es muss jeder selbst herausfinden, wie er ihn schwingt.

* Der Autor ist freier Journalist und twittert unter @ronniegrob.

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