Auf dem 50 Zoll grossen TV-Bildschirm ein Fussballspiel anschauen, nebenbei die neusten News auf dem Notebook anschauen und kurz darauf die neusten Messages auf dem Smartphone checken – ein gemütlicher TV-Abend ist nicht mehr das, was er bis vor wenigen Jahren mal war, als die ungeteilte Aufmerksamkeit einer ganzen Familie dem Fernseher galt. Internet- und TV-Vergnügen finden mehr und mehr parallel statt. Was liegt daher näher, als beide Technologien zu verschmelzen?

Das interaktive Fernsehen ist seit längerem ein Wunsch der Sendeanstalten. HbbTV ist der neuste Versuch, einen solchen Standard zu etablieren. Die SRG startet in Kürze ein solches Pilotprojekt in der Westschweiz. Hier werden Vorlieben der Zuschauer und die Technik getestet, bevor im nächsten Jahr die gesamte Schweiz in den Genuss von HbbTV kommen soll. Der von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) abgesegnete Standard wird von einer grossen Anzahl von Herstellern und europäischen Ländern unterstützt, in einigen Staaten laufen ebenfalls Pilotprojekte.

Kernstück soll eine erweiterte Form des alten, aber immer noch überaus populären Teletextes werden. Die heute täglich rund eine Million Nutzer des SRG-Teletextes werden weiterhin Nachrichten aus aller Welt, Sport und anderen beliebten Ressorts auf denselben Seiten wie bisher sehen können, es kommen aber zusätzliche multimediale Angebote aus dem Internet hinzu. «Durch die neuen Möglichkeiten bieten wir auch Leuten, die lieber Videos und andere Inhalte als Teletext konsumieren, ein neues und interessantes Angebot», erläutert Martin Spycher, der für die SRG die Untergruppe TV+ leitet. Daneben soll das «kultige Design» durch eine moderne Benutzeroberfläche abgelöst werden.

Was die SRG langfristig aus dem Köcher ziehen wird, ist dagegen noch weitgehend offen. Den Anfang bilden Videos wie beispielsweise die Tagesschau vom Vortag und zusätzliche Angebote für Sinnesbehinderte wie Sendungen mit Gebärdensprache. «Die weiteren Schritte», so Spycher, «hängen von den Ergebnissen der ersten Versuche ab.»

Ein Blick über die Grenzen zeigt aber, wohin die Reise gehen könnte: Die ARD bietet einen umfangreichen Programmguide an, Pro7 und Sat. 1 lassen ihre Zuschauer voten, in Frankreich dürfen Zuschauer Fragen zum laufenden Programm stellen. Bei den French Open in Paris konnten die Zuschauer von France Télévision ausserdem neben dem Hauptspiel weitere Matchs über die Internetverbindung verfolgen.

Für den Empfang benötigt man lediglich eine HbbTV-taugliche Settop Box, einen Breitband- und einen digitalen Kabelnetzanschluss (beziehungsweise digitale Satellitenverbindung) sowie einen kompatiblen Fernseher. Die grossen Hersteller bieten solche Geräte zumeist ab dem Mittelklasse-Segment an. Die neue Technologie funktioniert sogar mit der herkömmlichen Fernbedienung: Die Farbtasten und das Navigationsfeld reichen aus, um die neuen Dienste zu steuern.

Welche Netzbetreiber in der Schweiz mitmachen werden, steht laut Martin Spycher allerdings noch in den Sternen: «Es gibt in der Schweiz rund 250 Netzbetreiber. Wir sind mit diversen Anbietern im Gespräch.» Die Digital Cable Group sowie Finecom haben, so Spycher weiter, ihre Kooperation bereits angekündigt.

Parallel dazu soll der Second Screen zum Einsatz kommen. Bei dieser Technologie liefert ein portables Gerät wie Handy oder Tablet PC weitere Zusatzangebote via App oder Internetlink. Spycher: «Die Angebote stammen nicht ausschliesslich von Broadcastern. Das heisst: Auch Dritte können Angebote lancieren. Im Zentrum stehen oft Interaktivität und Integration in Social Media. Das sind zum Beispiel Kommentar und Bewertung.» Bei der Westschweizer RTS läuft bereits ein Pilotprojekt: Schaut man dort die «Tagesschau», so erhält man über Tablet oder Smartphone Zusatzinformationen zu den einzelnen Beiträgen.

Technisch ist also einiges machbar, Beschränkungen drohen allerdings von rechtlicher Seite. So muss beispielsweise derzeit zusammen mit dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) geklärt werden, ob der erweiterte Teletext neu definiert werden muss. Weitere juristische Abklärungen könnten bei Daten- oder Jugendschutz sowie der Einhaltung der Werberichtlinien nötig sein.

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