Eigentlich hat sich der «Literaturclub» am Schweizer Fernsehen SRF gut entwickelt. Seit dem Relaunch im September 2012 steigen Zuschauerzahlen und Quoten wieder, und die Gesprächsrunde fand selbst bei Kulturspezialisten Anklang (siehe Jury-Bewertungen). Gerade die unterschiedlichen Charaktere in der Runde, die unterschiedlichen Temperamente und Ansichten waren das Salz in der Suppe. Gerade der Antagonismus zwischen Moderator Stefan Zweifel und Elke Heidenreich hat verhindert, dass die Runde nicht zu einer müden, langweiligen Diskussionsrunde verkam. Mit der Absetzung von Stefan Zweifel – ohne Not – steht der «Literaturclub» wieder am Punkt null. Ein Scherbenhaufen.

Überhaupt: Wie steht es um die Kultur am Schweizer Fernsehen? Erfüllt es den Kulturauftrag? Wie haben sich die einzelnen Kultursendungen entwickelt? Wir haben eine Jury aus internen und externen Kulturredaktorinnen und Kulturredaktoren zusammengestellt und die Kultur am Schweizer Fernsehen im Allgemeinen und die drei Fernsehsendungen «Literaturclub», «Kulturplatz» und «Sternstunde» im Speziellen bewertet.

Quantitativ fällt die Bilanz ungenügend aus. Kulturchefin Nathalie Wappler wollte den Anteil an Kultur am Schweizer Fernsehen mindestens halten. Doch ihr in der «Schweiz am Sonntag» vor drei Jahren erklärte Ziel hat sie verpasst. Seit ihrem Stellenantritt Anfang 2012 hat beim Schweizer Fernsehen ein markanter Kulturabbau stattgefunden.

Damals gab es fünf TV-Sendungen, in denen über Kultur reflektiert wurde. Heute sind es mit dem «Literaturclub», dem «Kulturplatz» und der «Sternstunde» noch drei. Die Jury vermisst vor allem das im Juni 2013 abgesetzte Kino- und Magazin «Box Office». Dabei wäre gerade das Medium Fernsehen geeignet, neue Filme in Originalausschnitten vorzustellen.

Dazu wurde 2013 die Musiksendung «Stars» gestrichen und mit Kunst, Philosophie und Religion in die «Sternstunde»-Reihe integriert. Ein deutlicher Kulturabbau, denn 2013 wurden gegenüber dem Vorjahr 18 Musiksendungen weniger ausgestrahlt. Und auch die Quote zeigt deutlich nach unten: 2010 wurden 44 000 Zuschauer erreicht, in diesem Jahr noch 35 000.

Positiv gewertet wird die Rolle von SRF in Sachen Fernsehfilmen und Serien, wo das Schweizer Fernsehen einen eigenen und wichtigen Beitrag zum helvetischen Kulturschaffen leistet und mit dem Krimi «Der Bestatter» einen Publikumshit gelandet hat. Das ändert aus der Sicht der Jury nichts daran, dass ein Sendegefäss zur Reflexion fehlt.

Die Kultur wird am Schweizer Fernsehen marginalisiert. Das drückt sich darin aus, dass Kulturthemen zu Randzeiten gesendet werden. Vermisst wird die Kultur aber auch in Beiträgen in den Informationssendungen. Verirrt sich doch einmal ein Kulturthema in die «Tagesschau», riecht einiges allzu sehr nach Pflichtprogramm.

Dabei ist das Kulturbudget in den letzten Jahren nicht kleiner geworden. Doch die Kultur am Fernsehen wird immer stärker ausgedünnt und ins Netz verlagert. Hier gibt es neue Formate und Kultur-Specials. Neue Ideen und Sendungen wie «Güsel. Die Abfalldetektive» von Gabriel Vetter, die man gern im Fernsehen sehen möchte. SRG-Direktor Roger de Weck ist ein Mann der Kultur. Doch bisher hat man dem Programm nichts angemerkt.

Die Jury attestiert den drei verbliebenen, festen Kultursendungen durchaus Qualität. Die «Sternstunde» wird als Flaggschiff der Hochkultur und des Denkens gelobt. Auch der «Literaturclub» war gut unterwegs. Der «Kulturplatz» fällt zwar durch. Immerhin wird das Bemühen gewürdigt, neue Wege zu beschreiten. Es ist Potenzial vorhanden. Doch das Fernsehen hat es verpasst, die Rolle des Leitmediums in Sachen Kultur zu übernehmen. Nicht erfüllt!

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper