500 Franken «Spesenpauschale» in einem Couvert für «Top-Journalisten». Dieser vor einer Woche dargelegte Sachverhalt sorgte in der Branche für heftige Debatten. Rasch herrschte Einigkeit: Bargeldzahlungen für das Erscheinen an Presseanlässen sind absolut nicht tolerierbar.

NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann schreibt: «Die NZZ-Publizistik toleriert grundsätzlich keine Einflussnahme auf die redaktionelle Arbeit durch Dritte, dies ist im Redaktions- und im Unternehmensstatut festgeschrieben.» Tamedia hält fest: «Die Entgegennahme von ungerechtfertigten Spesen im Rahmen einer redaktionellen Berichterstattung ist nicht akzeptabel. Anders verhält es sich mit Produkten, die im Rahmen eines Tests zur Verfügung gestellt werden oder mit Pressereisen.»

Das «No-go» für Bargeldgeschenke hat in der Zwischenzeit auch Fiorenzo Fässler eingesehen, der Erfinder des «Geschäftsmodells»: 500 Franken für den Journalisten, 3000 Franken zahlt der Kunde. Mit Nachdruck verwahrt er sich allerdings gegen den Vorwurf, die Journalisten korrumpiert zu haben. Es tue ihm vielmehr leid, sie in eine «blöde Situation» gebracht zu haben.

Am schlimmsten traf es NZZ-Ressortleiter Walter Hagenbüchle, der für einen Kollegen kurzfristig eingesprungen war. Er entdeckte das Couvert mit den 500 Franken erst nach Anfrage des «Sonntags» und retournierte es umgehend. Auch die Redaktionen der «SonntagsZeitung» und der «NZZ am Sonntag» haben in der Zwischenzeit das Geld zurückerstattet. Ein Teilzeitangestellter des «Sonntags» erhielt lediglich eine Entschädigung für den Kinderhort, weil er an einem freien Tag am Anlass teilnahm.

In seinem Blog zeigt sich David Sieber, Chefredaktor der «Südostschweiz», besonders schockiert über die «Enthüllung», da er noch in seinem letzten Beitrag «im Brustton der Überzeugung» die Frage als «absurd» abgetan habe, was es denn koste, damit ein Journalist etwas über diese oder jene Firma, dieses oder jenes Thema schreibe.

In der Zwischenzeit wurde auch publik, dass in einem Lokalblatt im Aargau (Verlag Effingerhof) für 550 Franken Kandidaten-Porträts «gekauft» werden konnten. Im Kanton Uri schreiben Journalisten in Lokalzeitungen nicht nur über das Sawiris-Projekt in Andermatt, sondern im Nebenamt auch für den Ägypter selbst. Kürzlich publizierte der «Walliser Bote» ein Inserat, in dem er seine «hauseigenen Autoren und Redaktoren» für Geschäftsberichte oder Bücher, Reportagen, Broschüren oder PR anpreist.

In all diesen Fällen liegt ein klarer Verstoss «gegen die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Journalistinnen und Journalisten» vor. Doch wie konnte es so weit kommen? Haben diese Journalisten wirklich nichts mehr im Beruf verloren, wie Sandro Brotz von der «Rundschau» twitterte? Wie verhält es sich denn mit all den Einladungen und Pressereisen, die ein Mehrfaches kosten? Oder mit den Medientrainings und den horrenden Nebenverdiensten von SRG-Moderatoren?

Der «Couvert-Fall» ist aus zwei Gründen beschämend für die Branche: 1. Die Veranstaltung fand bereits zum dritten Mal statt, ohne dass dieses Geschäftsmodell bekannt und infrage gestellt wurde. 2. Für Teilzeitangestellte und freie Journalisten war der Anlass eine willkommene Gelegenheit, ihr Einkommen aufzubessern.

Aus wirtschaftlichen Gründen ist die Medienbranche erfinderisch geworden. Um noch mehr Entlassungen abzuwenden, wurden Pensen reduziert und ein Heer von Teilzeitangestellten geschaffen. Extra-Bünde, Magazine und Verlagsbeilagen werden auswärts gegeben. Und die Verlagsmanager kreieren immer neue Hochglanzbeilagen, um die Hersteller von Luxusgütern (Mode, Autos, Uhren) zu befriedigen.

Deshalb ist es längst bittere Realität: Ohne das Zusammenspiel mit den Kunden hätten Tages- und Wochenzeitungen ihre Lifestyle-Beilagen, Reise- und Autoseiten, Technik- und Computerseiten längst aufgeben müssen. Frauenzeitschriften gäbe es schon lange nicht mehr.

Die Erregung über das «500-Franken-Couvert» erklärt sich damit, dass es den Nerv einer Branche getroffen hat, die ihr höchstes Gut, nämlich die Glaubwürdigkeit, weitgehend schon verspielt hat. Die Krise der Qualitätsmedien ist auch selbst verschuldet, weil Medienmanager das Sagen haben, die letztlich keinen unabhängigen, kritischen und aufklärerischen Journalismus wollen, sondern vor allem an ihren Bonus und die Aktionäre denken.

* Hanspeter Bürgin ist langjähriger Medien- und Wirtschaftsjournalist. Heute freischaffend, davor u. a. für «Tages-Anzeiger», «SonntagsZeitung» und «Aargauer Zeitung» tätig.

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