Zwölf Tage nach dem Konkurs des Zürcher Radios 105 tobt die Übernahmeschlacht. Der Konkursverwalter schlug den Sender für 784 000 Franken Roger Schawinski zu. Bis Montag können Interessenten ein höheres Gebot einreichen. Nun zeigt sich: Schawinski wurde bereits überboten. Von wem, ist ebenso wenig bekannt wie die Höhe des Gebots. Es könnte sich um Energy handeln. Verschiedene Beobachter halten einen Dritten für wahrscheinlicher. Infrage käme etwa der TV-Sender Joiz. Dessen CEO Alexander Mazzara wollte keine Stellung nehmen.

Mit «ziemlich hoher Sicherheit» wieder bieten wird Energy, sagt Geschäftsführer Dani Büchi. Weil Energy keine UKW-Konzession mehr haben darf, kann er 105 nur über DAB+ und Kabel betreiben. Mit 105 könne Energy die «strategisch wichtige, aber wirtschaftlich uninteressante ganz junge Zielgruppe» besetzen. Die UKW-Konzession könne Energy verkaufen oder zurückgeben. Möglicher Partner für die UKW-Konzession ist offenbar das Portal «toasted.ch».

Branchenkenner äussern Zweifel an Büchis Plan eines Radios ohne UKW. Egon Blatter, der möglicherweise mitbietet, rechnet im Fall eines Zuschlags mit 110 000 Hörern für sein DJ Radio. «Ohne UKW-Konzession ist DJ Radio wirtschaftlich nicht tragbar», sagt er. Karin Müller, bis Ende vergangenen Jahres Geschäftsführerin von Radio 24, ging bei ihrem Sender von 10 Prozent DAB-Hörern aus. Büchi gilt allerdings als Promotor von DAB+ und kommunizierte mit dem Jahr 2019 als Erster auch ein Ausstiegsdatum aus UKW für seine Sender. Sowieso habe 105 im Konzessionsgebiet Stadt Zürich nur etwa 20 000 UKW-Hörer, sagt er. Wie alle UKW-Sender profitiert 105 aber von Überreichweiten. Der Sender dürfte über UKW in einem Gebiet mit gegen 900 000 Einwohnern empfangbar sein. Radioleute schätzen die Zahl der UKW-Hörer auf 30- bis 50 000. Genaue Zahlen kennt niemand: Die Zahlen für UKW werden nicht gesondert ausgewiesen.

Dass Energy durch den Wegfall eines UKW-Konkurrenten die Nummer 1 in Zürich werden könnte, dementiert Büchi nicht. Insider gehen davon aus, dass die Nummer 1 in Zürich pro Jahr mindestens eine halbe Million Franken mehr Umsatz macht als die Nummer 2. Diesen Effekt dürfte Energy wohl in das Gebot für 105 einbeziehen.

Dass Energy die UKW-Konzession nun an eine finanzschwache Firma weiterverkaufen wolle, diene allein der Image-Wahrung und passiere nur, weil der Plan aufgedeckt worden sei, 105 zur Stärkung von Energy ganz aus dem Markt zu nehmen, sagt Roger Schawinski. Man wisse, dass ein von wenig finanzstarken Dritten betriebenes UKW-Radio ohne die Marke 105 keine ernstzunehmende Konkurrenz für Energy darstelle.

Büchi widerspricht vehement. Der Vorwurf sei absurd. Ob es einen Partner für die UKW-Konzession gebe oder nicht, sei völlig zweitrangig. Werde die Konzession zurückgegeben, sei das für Energy sogar besser. «Unser 105 mit DAB+ wird erfolgreicher als das von Schawinski mit UKW.» Nicht zuletzt verschwänden mit der UKW-Konzession auch Auflagen.

Ex-Radio-24-Frau Karin Müller ruft derweil zur Mässigung in der aufgeheizten Debatte auf. Bei allen Interessenten stünden schlussendlich finanzielle Motive hinter dem Gebot. «Nur aus hehren Gründen», sagt sie, «bietet niemand.»

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