Herr Youssef, früher arbeiteten Sie als Herzchirurg. Wie hat Ihre Frau reagiert, als Sie ihr sagten, dass Sie künftig Ihr Geld mit Witzen verdienen möchten?
Bassem Youssef: Sie schaute mich komisch an. Dann lächelte sie und sagte, «was immer du willst, Liebling». Weder sie noch ich dachten, dass es mehr als ein paar politsatirische Videos im Internet sein würden. Anfangs drehte ich die Clips nur am Wochenende. Niemand konnte wissen, dass es eine so grosse Sache werden würde.

Was hielten Ihre Arbeitskollegen im Spital von Ihren Videos?
Sie fanden es lustig. Zwischen den Operationen gingen wir ins Internet und schauten uns die Clips zusammen an. Die Oberärzte mochten mich nachher sogar mehr.

Und die Patienten?
Sie waren k. o. von der Anästhesie, sie bekamen nichts mit (lacht).

Vermissen Sie es, Leben zu retten?
Ach, wissen Sie, das war ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben. Aber auf der Welt gibt es Millionen von Ärzten, die meinen Job machen können, sogar besser. Aber die Chance, die ich für meine zweite Karriere erhalten habe, war und ist einmalig.

Was finden Sie an Politik lustig?
Die Politiker. Sie sind mit Abstand am lustigsten.

Sind Politiker in Ägypten für Sie lustiger als anderswo?
Ja, da bin ich parteiisch. Sie sind ein Segen für mich, weil sie mir so viel Material liefern.

Sie wurden verhaftet.
Es gab einen Haftbefehl, aber ich ging freiwillig zur Befragung. Die Polizei musste mich nicht abholen.

Sie wurden sechs Stunden lang vernommen. Wie war das?
Ich fands lustig, wie sie meine Witze untersuchten. Stellen Sie sich das vor! Sie befragten mich nach jedem einzelnen Witz.

Das war lustig?
Ja, weil ich ihnen den Witz erklären musste. Der Typ, der mich befragte, hatte absolut keinen Sinn für Humor. Aber die anderen im Raum lachten im Hintergrund die ganze Zeit. Viele von ihnen wollten nachher ein Foto mit mir machen, weil sie Fans meiner Show waren. Das war schon sehr ironisch.

Waren Sie nicht eingeschüchtert?
Nein. Ich meine, ich war besorgt. Aber ich erwartete nicht, dass es schlimmer werden würde. Dennoch waren es sechs lange Stunden.

Ägyptens erster Präsident nach der Revolution, Mohammed Mursi, wurde kürzlich zum Tode verurteilt. Hat Sie das überrascht?
Mich überrascht nichts mehr in Ägypten. Es ist ein Wunderland, und wir schreiben Geschichte auf sehr eigenartige Art und Weise. Gut oder schlecht, man muss mit allem rechnen. Der Sinn spielt keine Rolle mehr in Ägypten.

Das Urteil scheint Sie kalt zu lassen?
Nicht kalt. Aber nach all dem, was passiert ist, den unglücklichen Vorfällen in den letzten Jahren, da spüre ich sehr oft Apathie. Verzweiflung. Ich frage mich, wohin uns das alles führt.

Mursi war regelmässig Zielscheibe Ihrer Witze. Als Sisi ins Amt kam, wurden Sie zahmer.
Wenn Sie die Frage so stellen, vergessen Sie den Kontext. Unter Mursi waren die Medien gespalten. Es gab proislamische Medien und antiislamische Medien. Letztere galten als liberal, obwohl ich diese Bezeichnung falsch finde. Aber sie waren alle gegen Mursi. Es war ein faires Spiel. Aber unter Sisi war ich der einzige Kritiker. Es geht also nicht darum, ob ich zahmer wurde. Ich stand da allein gegenüber einer riesigen Wand.

War die Muslim-Bruderschaft demokratischer?
Militärregimes und religiöse Regimes sind meiner Meinung nach sehr ähnlich. Mursi war nicht demokratischer. Er war damals einfach nicht stark genug, den Posten innezuhalten. Wäre er länger im Amt geblieben, hätte er irgendwann gleich gehandelt. Alle autoritären Regime sind gleich, egal, ob sie eine Waffe oder einen Bart tragen.

Martin Luther King sagte einst: Unser Leben beginnt an jenem Tag aufzuhören, an welchem wir aufhören, über Dinge zu reden, die wichtig sind. Sie haben aufgehört.
Nein, ich habe nicht aufgehört. Ich wurde mundtot gemacht. Das ist ein grosser Unterschied. Das war nicht meine Wahl. Ich hätte nach Mursis Abgang zu Hause bleiben können. Als die Muslim-Bruderschaft ging, war ich der grosse Held. Ich habe alles riskiert. Aber meine Sendung wurde eingestellt. Ein Mal. Zwei Mal. Ich musste mein Land verlassen. Ich frage Sie: Was muss ich Ihnen noch beweisen?

Sie hätten die Sendung im Ausland weiterproduzieren können.
Das war nie eine Option – egal, ob mit oder ohne Mursi im Amt. In Ihren Augen wäre ich ein Held, wenn ich die Sendung im Ausland aufzeichnen würde. Aber in Ägypten würde ich meine Glaubwürdigkeit verlieren. Für meine Landsleute wäre ich sofort jemand, der vom Westen finanziert wird. Ich hätte keinen Effekt mehr in Ägypten. Ich kann nicht gegen ein ganzes System kämpfen. So stark bin ich nicht.

Und Sie sind ein Ehemann und Vater einer kleinen Tochter.
Das ist nicht der Punkt. Es ist einfach so, dass man es allein nicht schafft. Satire kann kein Regime stürzen. Die Muslim-Bruderschaft glaubt, dass meine Sendung ihr Ende besiegelte. Falls das wahr wäre, dann war es ein sehr schwaches Regime. Satire ändert nichts. Satire bringt nur mehr Leute an den Tisch, weil Humor attraktiv ist. Den Wandel müssen dann die Menschen selber herbeiführen.

Was ging Ihnen durch den Kopf als Sie vom Terror-Anschlag auf «Charlie Hebdo» hörten?
Das war schrecklich. Einfach nur schrecklich. Der Anschlag wurde von vielen Leuten in der arabischen Welt verurteilt. Ich werde immer gefragt: Wieso hören wir keine Kritik aus der arabischen Welt? Und ich antworte: Wissen Sie wieso? Weil sie kein Arabisch sprechen. Dabei haben die arabischen Medien wochenlang ihre Solidarität mit «Charlie Hebdo» öffentlich bekundet, zum Teil auch mit sehr expressiven Cartoons.

Müssen wir einen Teil unserer Freiheit für mehr Sicherheit opfern?
Das wäre falsch, zumindest für einen Rechtsstaat wie die Schweiz. In anderen Ländern, in denen der Wunsch nach Freiheit einen das Leben kosten kann, sollte man schlau genug sein und das Land schnellstmöglich verlassen (lacht).

Dann ist der Wunsch nach Sicherheit grösser als der Drang nach Freiheit?
Nein, der Drang nach Freiheit wird immer triumphieren. Mit mehr Sicherheit geht immer ein Stück Zensur einher. Das kann nicht über lange Zeit funktionieren. Freiheit wird immer die Oberhand behalten – zumindest bei vielen Themen. Über gewisse Dinge kann man auch in der freien, westlichen Welt nicht sprechen. Habe ich Recht?

Welche Themen meinen Sie?
Sprechen wir über Frankreich. Der Komiker Dieudonné hatte in einem Facebook-Eintrag mit einem der Attentäter von Paris sympathisiert. Danach wurde er verhaftet und des Antisemitismus beschuldigt. Dabei war es ein Witz. Sie sehen: Selbst im Westen wird man für einen Witz verhaftet. Deshalb kann ich verstehen, dass einige Muslime darin Heuchelei erkennen. Wo zieht man die Grenze der Meinungsfreiheit?

Sie gelten als Barometer der Meinungsfreiheit in Ägypten. Wo steht sie zurzeit?
Oooh, wir sind natürlich unglaublich frei und sehr demokratisch. Und dann können Sie anfügen, dass ich bei der Antwort gelacht habe (lacht).

Zurzeit leben Sie in Dubai. Können Sie nicht mehr zurück nach Ägypten?
Zurück schon, die Frage ist, ob ich wieder rauskomme.

Haben Sie Angst, Ihre Heimat nie wieder zu sehen?
Angst ist ein starkes Wort. Sagen wir einfach, ich bin ein Mensch, der sich gut anpassen kann. Wenn ich nun länger in Dubai bleiben sollte, sehe ich das pragmatisch. Es ist zurzeit das Beste für mich und meine Familie. Meine Identität kann mir ohnehin keine Regierung wegnehmen. Ich bin als Ägypter geboren und werde als Ägypter sterben.

In Amerika wurde spekuliert, dass Sie Nachfolger von TV-Satiriker Jon Stewart werden könnten. Wie enttäuscht sind Sie, dass daraus nichts wurde?
Jons Platz einzunehmen ist vermutlich der Traum aller Komiker. Aber: Es ist auch unglaublich schwierig, das Erbe einer Legende anzutreten. Ich wünsche seinem Nachfolger Trevor Noah nur das Beste. Das ist ein verdammt harter Job.

Würden Sie lieber die «Daily-Show» moderieren oder als Präsident von Ägypten amten?
Ich würde alles lieber tun, als Präsident von Ägypten zu sein. Mit einem Glacewagen durch die Strassen laufen oder ägyptischer Präsident werden? Ich nehme den Glacewagen. Die Politik ist ein schrecklicher Ort.

Was verbinden Sie mit der Schweiz?
Die Fifa! Das ist doch das ganz grosse Thema jetzt. Was ich nicht verstehe, ist, warum ihr so lange gebraucht habt, bis ihr endlich gegen die Korruption vorgegangen seid. Nein, ihr wart es ja nicht mal, die Amerikaner mussten erst damit beginnen, den Laden auseinanderzunehmen. Jeder wusste doch, dass die Fifa ein korruptes Unternehmen ist. Katar? Ernsthaft? Temperaturen von bis zu 50 Grad. Come on guys! (lacht)

Besteht die Schweiz für Sie nur aus der Fifa?
Nein, auch aus Schokolade und Banken.

Was ist mit dem Minarettverbot, über das Sie sich gemeinsam mit Jon Stewart lustig gemacht haben?
Hab ich das? Lustig, aber das weiss ich nicht mehr. Vielleicht habe ich mich etwas über die Schweizer lustig gemacht, aber ich gehe mit niemandem härter ins Gericht als mit uns selbst und der ägyptischen Demokratie. Wir Muslime sind katastrophal darin, uns selbst in der Öffentlichkeit darzustellen. Wir sind friedfertig, lassen uns aber von den Extremisten überschatten.

Zum Schluss noch eine Frage, die Sie bestimmt oft hören: Erzählen Sie uns bitte einen Ihrer liebsten Witze.
(Pustet durch) Das ist schwer. Aber kennen Sie Fox News?

Der rechtskonservative Propagandasender der US-Republikaner.
Genau. Wissen Sie, warum wir Muslime den Sender lieben? Es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem heisse Blondinen ständig über uns sprechen (lacht).

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