Herr de Weck, Sie sind ein überzeugter Europäer – wie ist Ihre Gefühlslage zwei Wochen nach dem Ja zur SVP-Masseneinwanderungsinitiative?
Roger de Weck: : Das chinesische Sprichwort besagt: Glücklich der Mensch, der in langweiligen Zeiten lebt.

Die Zeiten sind spannend, aber glücklich wird Sie das Votum nicht machen.
Unglücklich der Journalist, der in langweiligen Zeiten lebt! Im Ernst: Nach all den Jahren als Kolumnist schätze ich es, zur Tagespolitik zu schweigen.

Hier geht es nicht um Tagespolitik. Das Votum ist ein historischer Entscheid. Wie war dieses Resultat möglich?
Bei uns in der Schweiz sind das Englische und die Mundart im Vormarsch. Englisch ist die Sprache der Globalisierung, Mundart die der Rückbesinnung auf die Wurzeln. Wir sind das am stärksten globalisierte Land der Welt – je globalisierter, desto heimatbedürftiger.

Das Rückzugsbedürfnis ist neuerdings mehrheitsfähig.
Den Schweizer Spagat hat der verstorbene Historiker Jean-François Bergier auf den Punkt gebracht. Er sah zwei alpine Traditionen: die Alpen als Ort des Rückzugs, des Réduits – und die Alpenpässe als Orte des Transits, des Handels und Wandels, der Offenheit. Die Schweizer Geschichte sei nichts anderes als der Widerstreit beider Traditionen. Der 9. Februar bestätigt Bergiers These.

Welchen Anteil hat die SRG-Berichterstattung am Ja zur Masseneinwanderungsinitiative?
Der Medienbetrieb spiegelt die Strömungen in der Gesellschaft, er lenkt sie nicht. Das Volk stimmt bekanntlich anders ab, als die Mehrzahl der Blätter empfiehlt. Bei der SRG verhält es sich nochmals anders, da wir nicht Stellung nehmen und uns um Ausgewogenheit bemühen.

Ist diese Neutralität richtig? Warum kein Kommentar zum Abstimmungsergebnis in der «Tagesschau»?
Der gelehrige Frontalkommentar – «Werte Zuschauerinnen und Zuschauer ...» – läuft ins Leere. Aktuelles Geschehen aus dem Gespräch heraus einzuordnen, ist lebendiger und gehaltvoller. Die «Tagesschau» trägt dem Rechnung: Dank Internet und sozialen Medien kennen alle die Nachrichten längst vor 19.30 Uhr. Umso wichtiger werden Schaltungen zu Korrespondenten und Interviews mit Fachleuten, die diese Nachrichten analysieren.

Seit Ihrer Wahl zum SRG-Generaldirektor, die von der SVP kritisiert wurde, scheinen SRG-Journalisten – quasi als Kompensation – Beisshemmungen gegenüber der Rechten zu haben. Das spürt man auch im Gespräch mit einigen Ihrer Bundeshausjournalisten.
Bundeshaus-Gossip! Die dem Generaldirektor zugeschriebene Haltung ist kein Bestimmungsgrund des Angebots. Ohnehin werde ich in der Schweiz manchmal zum Linken gestempelt, in Deutschland zum Rechten. Tut mir leid, dass ich in keine Schublade passe – und auch nie in Sendungen eingreife. Service public wird erst recht «Service au public», wenn Radio und TV rundum unbequem sind. Am unabhängigsten ist jener Journalismus, der sich kein Thema vorsetzen lässt, sondern wider den Strich selbst das Thema setzt: gegen alle PR-Strategien der Parteien, Firmen und Lobbys.

Die SRG muss das Schweizerische betonen, das ist eine ihrer Existenzberechtigungen. Es überwiegen deshalb Sendungen über das Landleben, Urbanes kommt zu kurz. Das nährt – wie die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz kritisiert – eine Réduit-Mentalität.
Stadt, Agglo, Land: Alle drei kommen voll zur Geltung, aber verständlicherweise finden alle drei, sie kämen zu kurz. Und wenn wir einen Film drehen über die Schlacht am Morgarten, in dem diese Schlacht gar nicht vorkommt, da sie wohl nie stattgefunden hat: Ist das Réduit?

Wollen wir noch über die Frauen sprechen?
Comme vous voulez – vous cherchez la femme.

War es ein Fehler, den Themenmonat «Die Schweizer» ausschliesslich über historische Männer-Figuren zu verkaufen und die Frauen auszublenden?
30 von 300 Sendungen vertieften die Rolle der Frauen. Hohe Aufmerksamkeit fanden vier Filme; zwei galten den Anfängen der Eidgenossenschaft und zwei den Anfängen des Bundesstaats. Das war ein schlüssiges, wiewohl «bärtiges» Konzept, da lauter Männer das Entstehen unseres Staatswesens prägten. Die Kritik war begreiflich. Aber die politische Geschichte eines Landes, das erst 1971 den Frauen das Stimm- und Wahlrecht gab, darf den Gestaltungsspielraum der Schweizerinnen nicht überzeichnen, er war eng. In den Kinos läuft der von der SRG koproduzierte, berührende Film über Paul Grüninger, den St. Galler Polizeikommandanten, der viele Jüdinnen und Juden vor den Nazis rettete. Auch hier haben Frauen Nebenrollen. Ist das ein Fehler des Films?

Die SRG ist auf den Führungsebenen männerdominiert. Was tun Sie, um den Frauenanteil zu erhöhen?
Wir setzen auf flexible Arbeitsformen, damit Eltern Beruf und Familie gut verbinden. Direktorinnen und Direktoren in den Sprachregionen werden nicht vom Generaldirektor dem Verwaltungsrat zur Wahl vorgeschlagen, sondern von den Vorständen der SRG-Regionalvereine. Uns allen ist klar, dass Frauen in der nationalen Geschäftsleitung sein sollten.

Braucht es eine Quote?
Jedes Unternehmen quantifiziert seine Ziele. Werden mehr Frauen befördert, gehört ein Zielwert dazu, was aber nicht mit einer Quote gleichzusetzen ist.

30 Prozent wie in den Verwaltungsräten bundesnaher Betriebe …
... das ist Sache des Verwaltungsrats.

Sie sind seit rund 1000 Tagen im Amt. Roger Schawinski sagte nach Ihrer Wahl, der SRG-Chef habe zwei Aufgaben: Gebühren erhöhen und für genehme Radio- und TV-Direktoren sorgen. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung?
Oh Freund Schawinski, das widerspricht meinem Jobprofil! Eine der Hauptaufgaben ist es, die SRG so aufzustellen, dass der Service public die Chancen des digitalen Wandels optimal nutzt. Einst verfolgte das Publikum die Sendungen via Kanal. Heute verfolgt es sie auch via Internet. Kanäle bieten ein «Menü». Im Internet ruft jeder «à la carte» Sendungen ab. Die Kontinuität der Kanäle mit der Agilität des Internets zu verknüpfen, das ist der Reiz.

Wann kommt es zu Ihrer ersten Gebührenerhöhung?
Im besten Fall gibt es die erste Gebührensenkung: Mit dem neuen Modell, über das der Nationalrat demnächst berät, soll die Radio- und Fernsehgebühr sinken.

Sie übernahmen die SRG tiefrot. Ist die Wende schon geschafft?
Wir legen schwarze Zahlen vor.

Eine Folge der Sparmassnahmen?
Auch. Wobei die Kosten variieren: Die geraden Jahre sind teure Sportjahre, wie 2014 mit Sotschi, der Leichtathletik-EM in Zürich und der Fussball-WM in Brasilien, während ungerade Jahre weniger kosten. Das Ziel ist ein im Schnitt ausgeglichenes Ergebnis.

Und das erreichen Sie selbst im Supersportjahr 2014?
Wir sind auf Kurs.

Ärgern Sie sich eigentlich, dass die SRG für Sportrechte zweifelhaften Organisationen wie dem IOC Millionensummen überweisen muss?
Müssten die Spiele stets in tadellosen Demokratien stattfinden, käme für die Austragung bloss eine Handvoll Länder infrage. Den 1,5 Milliarden Chinesen und Russen Olympische Spiele vorzuenthalten, weil sie von Kommunisten oder einem Autokraten gegängelt werden, leuchtet nicht ein.

Dann verstehen Sie Politiker nicht, die Olympische Spiele boykottieren?
Das sind legitime individuelle Entscheide. Doch Sportlerinnen und Sportler haben ein Recht auf ihre Spiele.

Wie erfolgreich sind die Olympischen Spiele für die SRG?
Der Zuspruch war überwältigend. In der Deutschschweiz verfolgten bis zu 700 000 Menschen die Übertragungen; selbst das Rodeln sahen 400 000. Tagsüber schalteten konstant 150 000 bis gut 250 000 Zuschauer SRF ein. SRF 1, SRF 2 und SRF info hatten insgesamt rund 50 Prozent Marktanteil. Auch das Multimedia-Angebot brach Rekorde: Am Tag der Gold-Abfahrt von Dominique Gisin erzielte «srf.ch» mit 420 000 Visits eine neue Bestmarke. Und in den ersten zwölf OlympiaTagen gab es bei unserem Sotschi-Player über 8 Millionen Video-Abrufe. Während der ganzen Dauer der Olympischen Sommerspiele in London hatten wir 2012 nur 5 Millionen VideoAbrufe gehabt.

Baut die SRG ihr Internet-Angebot weiter aus?
Das Internet ist die zweite Heimat des Audiovisuellen. Wir lancieren 2014 den SRG-Player: eine gemeinsame digitale Plattform in den vier Sprachregionen. Damit lassen sich alle verfügbaren Sendungen über eine technisch identische Plattform abrufen. Das ist bahnbrechend – und spart auf Dauer Geld. Allerdings ist es ein technologischer Kraftakt.

Welche TV-Angebote nutzen Sie persönlich? Gefällt Ihnen zum Beispiel die US-Serie «House of Cards»?
«House of Cards» macht süchtig wie «Der Bestatter». Die zweite «Bestatter»-Staffel verfolgten gut 40 Prozent der Zuschauer: Heute haben Fernsehserien den gleichen Stellenwert wie Kinofilme in meiner Jugend. Aber gute Serien, Informationssendungen, Shows und Sport zu produzieren, ist ruinös. In kleinen Ländern ist der Markt viel zu klein, als dass private Anbieter damit Geld verdienen könnten. Es geht nur mit öffentlicher Finanzierung. Mit den vorhandenen Mitteln, effizient eingesetzt, behauptet die SRG gut 30 Prozent Marktanteil. Weniger Geld bedeutet weniger Marktanteil, zum Vorteil all der potenten ausländischen Kanäle wie RTL, die zwei Drittel des Schweizer Markts beherrschen. So einfach und so schwierig ist es.

Liegt es wirklich am Geld, wenn der Schweizer «Tatort» im Vergleich zu deutschen «Tatorten» abfällt?
In Deutschland erntet der Schweizer «Tatort» Lob. Grundsätzlich wollen wir das Drehbuchschreiben stärker fördern, SRF tut bereits vieles dafür. In grossen Ländern haben Sender eine reiche Auswahl an Drehbüchern. In kleinen Ländern arbeiten Drehbuchautoren oft im Akkord, um über die Runden zu kommen. Die SRG möchte hier mit dem Bundesamt für Kultur, mit Filmschulen und Filmbranche eine konzertierte Aktion ins Leben rufen.

Zeigt der Film «Dr Goalie bin ig», was an Qualität auch in der Schweiz drinliegen könnte?
Eine der besten Dialogführungen seit langem, verglichen selbst mit Hollywood-Filmen. Pedro Lenz, Susanne Boss, Jasmine Hoch – da waren Könner am Werk. Trotzdem spielt Geld eine Schlüsselrolle. Selbst unsere teuersten Fiktionen sind günstig: 10 000 Franken pro Minute – ein Bruchteil dessen, was eine US-Serie pro Minute verschlingt.

Sie sind 60-jährig. Wie lange bleiben Sie SRG-Generaldirektor? Das Pensionsalter für die Kader wurde ja gerade erhöht.
Im gegenseitigen Einvernehmen können Kader sogar bis 70 verlängern ...

... also können Sie theoretisch noch zehn Jahre bleiben.
Falls der SRG-Verwaltungsrat und ich das nun wirklich wollen würden: Ja. Das ist eine Drohung! (lacht)

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