Die Ringier-Geschäftsleitung hat den Ausstieg aus dem Projekt über den Kauf eines Fernsehsenders beschlossen. Das zeigen «Sonntag»-Recherchen. Intern heisst es, dass Schweiz-Chef Marc Walder «den Stecker gezogen hat». Der Entscheid überrascht, nachdem sich die Ringier-Führung dezidiert für einen eigenen TV-Sender ausgesprochen hatte.

Anlässlich der Bilanz-Pressekonferenz Anfang April liess Ringiers Schweiz-Chef Marc Walder die Katze aus dem Sack. Ein eigener TV-Sender würde perfekt zur neuen Strategie des Hauses passen, weshalb Ringier an einem Kauf von 3+ oder allenfalls auch von Tele Züri interessiert sei. Zu dieser Zeit wurden offenbar bereits Gespräche mit Dominik Kaiser über den Kauf seines Senders geführt, was dieser aber dementierte.

Dann kam der Entscheid von Tamedia, sich ganz auf das Printgeschäft zu konzentrieren und seine Radio- und TV-Stationen zu verkaufen. Während Radio24 profitabel arbeitet und dessen Verkaufspreis in der Grössenordnung von 30Millionen Franken liegen dürfte, machen die Lokalfernsehsender kaum Gewinn. Dem Vernehmen nach hat Ringier in der ersten Runde zwischen 12 und 15 Millionen Franken geboten. Da Tamedia mit den potenziellen Interessenten absolutes Stillschweigen vereinbart hat, will diese Zahlen niemand bestätigen. Doch das Interesse an dem Senderpaket bleibt gross.

Dass Ringier gerade in dieser Phase den Ausstieg aus dem Projekt «eigener TV-Sender» beschlossen hat, lässt eigentlich nur eine Interpretation zu: Die verlangten Preise sind viel zu teuer, als dass sich Marc Walder den ersehnten Wunsch erfüllen mag. So soll Dominik Kaiser, der sich selbst um den Kauf von Tele Züri bemüht, einen viel zu hohen zweistelligen Millionenbetrag verlangt haben, wie interne Quellen sagen. Gegen den Kauf von Tele Züri dürfte die beschränkte regionale Verbreitung gesprochen haben.

Mit «Ringier Entertainment Fernsehen», Ringier TV Productions, Presse TV (30%), Teleclub (33,3%), Sat.1 Schweiz (50%) sowie der Grundy Schweiz AG (35%) ist der grösste Schweizer Verlag bereits heute stark im TV-Business tätig. Deshalb wäre ein eigenes Unterhaltungsfernsehen eine ideale Ergänzung. Experten von «Ringier Entertainment Fernsehen» und «Ringier Business Development» überprüften in den letzten Wochen die möglichen Übernahmekandidaten. Bereits wurden mögliche Programmstrukturen, Sendeformate und Inhalte erarbeitet.

Den beschlossenen Ausstieg aus dem Projekt will Ringier-Sprecher Edi Estermann «nicht kommentieren». Man werde demnächst über das weitere Vorgehen informieren. Denkbar ist, dass der Beschluss nicht endgültig ist, sondern ein Schuss vor den Bug von 3+-Besitzer Dominik Kaiser, damit er seine Preisvorstellungen massiv nach unten korrigiert. Ähnlich lief es bei der Übernahme von Ticketcorner, als Marc Walder die Verkaufsgespräche stoppte, um dann in einem zweiten Anlauf doch noch zum Ziel zu kommen.

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