VON BEAT MATZENAUER*

Der Auftritt vor ein paar Tagen war symptomatisch. Der «ewige Revolutionsführer» Muammar al-Gaddafi entlarvte sich in einer Videobotschaft als seniler Revolutionskasper. Unter einem Schirm hervor nuschelte er ein paar Sätze zu seinem Volk, um dann den Schirm zu schliessen. Ende der Durchsage – Ende des Regimes?

Was künstlerisch wie die entwaffnende Inszenierung einer Herrscherdämmerung daherkommt, ist unter politischen Gesichtspunkten eine Katastrophe: das «Vive l’empereur» als bizarre Realsatire. Wollte sich Gaddafi damit bloss in Erinnerung rufen, verkündet das Video insgeheim eine ganz andere Botschaft: Hier steht der alte Regent und versteht weder die moderne Welt noch den zeitgemässen Medienauftritt.

Unwillkürlich demonstriert er die Kluft, die ihn von der Jugend in seinem Land trennt. Ausgehend von Ägypten hat diese sich der modernen Kommunikationsmedien bedient, um für den Umsturz zu mobilisieren.

Facebook und Twitter lauten gegenwärtig die Zauberworte, und im Verbund mit ihnen erhalten Revolution und Transparenz neue politische Brisanz. Es hat sich herumgesprochen, dass sich mittels Handy und Internet die rustikalen Kontrollinstrumente der alten Machthaber unterlaufen lassen. Trotz ihrer Drohungen trafen sich Hunderttausende in den Strassen von Tunis, strömten Millionen auf den Tahrir-Platz in Kairo.

Im üblichen Gebrauch ist Facebook ein Spielzeug, mit dem wir virtuelle Freunde wie Cumulus-Punkte sammeln. Die Facebook-Seite «We are all Khaled Said» (Wir alle sind Khaled Said) des Bloggers Wael Ghoneim hat aber auf erfrischende Weise gezeigt, dass solche sozialen Medien eine revolutionäre Kraft entfachen können, wenn ihre Botschaft auf fruchtbaren Boden fällt. Was früher einst das «Lauffeuer von Paris» war, sind heute weltweit abrufbar diese effizienten, nur schwer beherrschbaren Informations- und Gerüchtekanäle.

Dass gerade die verschlossen wirkende arabische Welt diese Botschaft in die Welt hinaussendet, verblüfft nur auf den ersten Blick. Vor allem die städtische Jugend hat längst gelernt, sich dem realen Kontrollregime von Mubarak, Gaddafi und Konsorten dadurch zu entziehen, dass sie ihre persönlichen und politischen Netzwerke in der virtuellen Sphäre aufbaut.

Das ist mehr als blosses Spiel, es ist ein Weg aus der Unmündigkeit und Aussichtslosigkeit. Auch wenn man sich keine überschiessenden Illusionen über die mediale Freiheit machen sollte – es gibt durchaus Kontrollinstrumente –, haben verknöcherte Regime bisher keine Antwort darauf gefunden. Allerdings wird sich das ändern – wie ein anderes aktuelles Beispiel zeigt.

Dass ausgerechnet das rechtschaffene Deutschland der Welt den «copy & paste»-Politiker neuen Stils vorführt, hat überrascht. Karl Theodor zu Guttenberg weiss erfolgreich auf der Klaviatur der Medien zu spielen. Entsprechend scheint er sich auch mit den digitalen Ressourcen auszukennen – allerdings ohne deren tückische Ambivalenz zu bedenken. Kopieren ist das eine, damit auffliegen das andere.

Das Internet erweist sich auch in der Aufdeckung von geistigem Diebstahl als effizienter gegenüber traditionellen Medien. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die nun viel beschworene Software gegen Plagiate funktionstüchtig ist oder nicht, es ist vielmehr der soziale Charakter der digitalen Medien, der diesbezüglich Transparenz zu schaffen vermag.

Gerne wird hierfür von der «Schwarmintelligenz» gesprochen. Der Begriff ist irrtümlich. Besser trifft es «crowdsourcing», also die Auslagerung von Aufgaben an die anonyme Masse der User. Wo viele Augen hinschauen, lässt sich kaum etwas verheimlichen.

Die Masse schafft Aufklärung – allerdings meint Aufklärung hier nur eine instrumentelle Grösse, die in sich noch kein entsprechendes politisches Konzept beinhaltet. Genau darin aber liegt der Haken. Der Zugang zum Internet allein bedeutet noch keine Demokratisierung, er ist bestenfalls dessen Voraussetzung.

Wir sind die Welt! Na und? Medien transportieren Botschaften und Konzepte, sie sind also bloss deren Überbringer. Genau das demonstriert die Enthüllungsplattform Wikileaks. Ihre Betreiber haben sich Transparenz auf die Fahnen geschrieben, um zurückgehaltene oder zensurierte Informationen der inte-ressierten Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen.

So verdienstvoll das grundsätzlich ist, lässt sich aber nur im Einzelnen über Sinn und Unsinn einer solchen Aktion entscheiden. Transparenz allein ist kein Konzept für politisches Handeln. Es bedarf weiterhin der unabhängigen kritischen Prüfung, um aus der bloss quantitativen Vielfalt das qualitativ Wesentliche herauszufiltern. Wer aber fühlt sich dafür verantwortlich?

Ebenso wenig beinhaltet die Mobilisierung gegen ein Regime bereits eine gemeinsame politische Vorstellung. Diese muss sich aus den disparaten Ansichten auf dem Tahrir-Platz erst herausbilden, damit sie wirkmächtig werden kann. Mubarak ist weg, gut so. Doch es ist zu hoffen, dass es in Ägypten gelingt, das entstandene Machtvakuum mit einem neuen politischen Konzept zu füllen, das dann Demokratisierung heissen könnte. Nur lässt sich das leider nirgends per «copy & paste» abkupfern.

* Beat Mazenauer (52) ist Literaturkritiker und beschäftigt sich speziell mit den neuen Medien und ihren Wirkungen.

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