Journalismus ist heute ein Industrieprodukt. Hergestellt am Fliessband in den Newsfabriken. Die Welt findet dort nur auf Bildschirmen statt: geruchs-, gefühls-, geschmackslos. Gibt es einen Medien-Mainstream, dann diesen: die Journalistinnen und Journalisten haben das Fühlen verlernt. Wut, Freude, Mut, Ärger – kurz: die Leidenschaften des Lebens: sie sind aus der Publizistik verschwunden.

Das ist kein Zufall, das ist so gewollt. Tamedia-Verleger Pietro Supino – derzeit gerade in einem Sabbatical im Silicon Valley – träumt von Roboterjournalisten, die kühl und nüchtern die Welt analysieren wie Banker ihre Finanzgeschäfte. Gefühlsregungen kosten bloss Zeit und Geld. Mit «20 Minuten» kommt Tamedia dem Traum vom gefühlslosen Roboterjournalismus schon recht nahe. Dass damit auch die Begeisterung des Publikums wegrationalisiert wird – was für ein kostspieliger Gedanke!

Wie «geschriebenes Radio» sei der Journalismus heute, sagt Reporterlegende Margrit Sprecher, soeben mit dem «Swiss Press Award» für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Experte hier, Experte da, ein kurzer Blick in die Vergangenheit, ein bisschen in die Zukunft schauen, und fertig ist das eingemittet geschriebene Nichts. «Journalismus ist viel flacher geworden», urteilte Sprecher, 80 Jahre alt und heute Abend um 21.40 Uhr bei «Reporter» auf SRF1 zu sehen, kürzlich in einem Gespräch. Sie selber schreibt mit einem aussterbenden Ansatz: dem Einsatz aller fünf Sinne. Und das mit Grund, wie sie betont: «Das macht den Charme aus.»

«Die Reportage ist ein Stück Natur, betrachtet durch ein Temperament», schrieb der grosse französische Schriftsteller und Journalist Emile Zola einst. Vielleicht ist dies das tödlichste Missverständnis in den Newsrooms dieses Landes: Dass die Welt so flach ist wie die Bildschirme, auf denen sie stattfindet.

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